von Manfred Steglich*
05.06.2026
Bremen ist noch immer Spitzenreiter. Seit Jahren. Der neue Armutsbericht des Paritätischen ist damit auch ein Armutszeugnis für die Bremer Landespolitik.
Er weist für Bremen eine Armutsquote von 27,5 Prozent aus, nach 25,9 Prozent im Vorjahr. Mehr als 194.000 Menschen leben damit unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle. Bundesweit liegt die Quote bei 16,1 Prozent. In Bayern ist etwa jede achte Person betroffen, in Bremen mehr als jede vierte.
Die Zahlen sind deutlich. Überraschend sind sie leider nicht.
Seit Jahren gehört Bremen zu den Bundesländern mit den höchsten Armutsquoten. Entscheidend ist deshalb weniger die Frage, ob die Quote in einzelnen Jahren leicht steigt oder fällt. Wichtiger ist die Beobachtung, dass sich das Niveau insgesamt kaum verändert. Trotz wirtschaftlicher Schwankungen, wachsender Beschäftigung und verschiedener sozialpolitischer Programme bleibt der Abstand zum Bundesdurchschnitt bestehen.
Der Blick verschiebt sich damit. Im Zentrum steht weniger die kurzfristige Entwicklung als die Frage, welche sozialen und wirtschaftlichen Strukturen diese Stabilität hervorbringen.
Armut als soziale Spirale
Armut wird häufig über individuelle Lebensgeschichten erklärt. Arbeitslosigkeit, Krankheit oder familiäre Brüche erscheinen dann als zentrale Auslöser.
Für Bremen greift diese Perspektive zu kurz.
Wenn mehr als ein Viertel der Bevölkerung betroffen ist, beschreibt Armut nicht mehr vor allem Einzelfälle. Sie wird zu einem sozialen Milieu, das Lebensverläufe, Stadtteile und Zukunftschancen prägt.
Armut verliert damit den Charakter eines Ausnahmezustands. Sie wird Teil der gesellschaftlichen Normalität – und reproduziert sich über eingeschränkte Bildungs- und Erwerbschancen, die sich von einer Generation zur nächsten fortschreiben.
In Bremen konzentriert sich diese Entwicklung räumlich deutlich. Stadtteile wie Gröpelingen, Tenever, Huchting, Lüssum-Bockhorn oder Blumenthal weisen seit Jahren hohe Armuts- und Arbeitslosigkeitsquoten auf. Niedrige Einkommen, prekäre Beschäftigung und eingeschränkte Bildungszugänge verdichten sich dort. Diese Muster setzen sich in Familienverläufen fort und verfestigen soziale Unterschiede über Generationen hinweg.
Bremen im Spiegel des Armutsberichts
Der Paritätische Armutsbericht 2026 bestätigt diese Entwicklung mit deutlichen Zahlen. Bremen bleibt auch 2025 das Bundesland mit der höchsten Armutsquote. 27,5 Prozent der Bevölkerung gelten als armutsbetroffen.
Der Abstand zum Bundesdurchschnitt von 16,1 Prozent beträgt 11,4 Prozentpunkte. Bremen liegt damit nicht nur an der Spitze, sondern am oberen Rand einer deutlich auseinandergehenden sozialen Verteilung.
Im Ländervergleich folgen Sachsen-Anhalt (21,3 Prozent) sowie Hamburg und Berlin (18,9 bzw. 18,7 Prozent). Die Unterschiede verweisen auf ein anhaltendes Gefälle sozialer Lebenslagen zwischen den Bundesländern.
Auffällig ist weniger der einzelne Wert als seine Beständigkeit über die Zeit. Auch bei wirtschaftlicher Entwicklung und wachsender Beschäftigung verändert sich Bremens Position kaum. Ein Teil der zusätzlichen Beschäftigung entsteht im Niedriglohnsektor oder in prekären Arbeitsformen. Gleichzeitig bleibt die Erwerbslosigkeit im Bundesvergleich hoch.
Das spricht dafür, Armut vor allem als Ergebnis langfristiger Strukturbedingungen zu begreifen.
Wie Armut entsteht und sich hält
Armut entwickelt sich selten abrupt. Sie entsteht über längere Zeiträume hinweg.
Im Bremer Arbeitsmarkt spielen niedrig entlohnte Tätigkeiten eine zentrale Rolle – in der Logistik, im Hafen, in der Gastronomie, in der Reinigung und in Teilen der Pflege. Hinzu kommen Teilzeitbeschäftigung, Befristungen und instabile Erwerbsverläufe.
Unter diesen Bedingungen reicht Erwerbsarbeit häufig nicht aus, um dauerhaft oberhalb der Armutsgrenze zu bleiben. Arbeit verliert damit ihre klassische Schutzfunktion, sie kann Armut im Lebensverlauf stabilisieren statt sie zu verhindern.
Die Folgen treten zeitverzögert auf. Niedrige Löhne führen zu geringen Rentenansprüchen. Altersarmut ist in diesem Sinne keine eigenständige Erscheinung – sie ist die Rentenform des Niedriglohnsektors. Zwischen 2020 und 2025 ist die Zahl der Rentnerinnen und Rentner, die in Bremen Grundsicherung beziehen, von 8.160 auf 10.287 gestiegen, ein Anstieg von über 26 Prozent in fünf Jahren. Die Altersarmut der kommenden Jahrzehnte wird heute auf dem Arbeitsmarkt produziert, in Gröpelingen, in Huchting, in der Vahr.
Wohnkosten als Verstärker
Ein zentraler Faktor liegt im Wohnungsmarkt.
Der Paritätische hat bereits 2024 gezeigt, dass Bremen bundesweit die höchste Wohnarmutsquote aufweist. Nach Abzug von Warmmiete und Energiekosten gelten rund 33 Prozent der Bremer Bevölkerung als arm, obwohl das nominale Einkommen formal darüber liegen kann. Rund ein Drittel der Mieterhaushalte wendet mehr als 40 Prozent des Nettoeinkommens für Warmmiete auf.
Damit wird sichtbar, dass nicht allein die Höhe des Einkommens entscheidend ist, sondern seine tatsächliche Reichweite im Alltag.
Hohe Wohnkosten verstärken soziale Ungleichheit. Sie binden Einkommen und begrenzen Spielräume bei Bildung, Gesundheit, Mobilität und gesellschaftlicher Teilhabe. Wohnarmut und Einkommensarmut überlagern sich dabei genau dort, wo beide am schwersten wiegen: in den einkommensschwachen Stadtteilen, bei älteren Alleinlebenden, bei Alleinerziehenden.
Politische Rahmenbedingungen
Die Stabilität der Armut in Bremen lässt sich nicht allein wirtschaftlich erklären. Sie verweist auch auf politische Entscheidungen und langfristige Entwicklungen.
Die Regulierung des Wohnungsmarktes blieb über Jahre begrenzt. Der Arbeitsmarkt wurde flexibilisiert, ohne die sozialen Risiken dieser Entwicklung ausreichend abzufedern. Das System der sozialen Sicherung wurde angepasst, jedoch nicht grundlegend neu ausgerichtet.
So ist ein institutionelles Gefüge entstanden, das Armut nicht verhindert, sondern im Nachhinein bearbeitet. Sozialpolitik reagiert damit zunehmend auf Entwicklungen, die sie selbst mit hervorgebracht hat.
Bremen als Frühwarnsystem
Bremen wird häufig als Sonderfall betrachtet, geprägt durch Hafenwirtschaft, Industriegeschichte und eine überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit.
Viele Entwicklungen reichen jedoch über Bremen hinaus. Steigende Wohnkosten, wachsende soziale Ungleichheit, zunehmende Altersarmut und die Konzentration sozialer Probleme in bestimmten Quartieren lassen sich bundesweit beobachten.
Bremen verdichtet diese Entwicklungen. Prozesse, die anderswo langsamer verlaufen oder weniger sichtbar sind, treten hier früher und deutlicher hervor.
In diesem Sinne erweist sich Bremen als Frühwarnsystem.
Die politische Herausforderung
Der Armutsbericht ist mehr als eine statistische Bestandsaufnahme. Er beschreibt eine soziale Lage, in der Armut dauerhaft Teil der gesellschaftlichen Realität geworden ist.
Gesellschaften, in denen dauerhaft mehr als ein Viertel der Bevölkerung in Armut lebt, geraten unter erheblichen Druck.
Armut entsteht aus institutionellen Entscheidungen und lässt sich durch politische Entscheidungen verändern. Wirksame Schritte wären eine konsequente Begrenzung von Wohnkosten, eine bessere Absicherung niedriger Einkommen und eine armutsfeste Alterssicherung – verbunden mit einer Stadtentwicklung, die soziale Spaltung abbaut.
Bremen steht seit Jahren an der Spitze der Armutsstatistik.
Entscheidend ist, ob diese Tatsache politisch noch als Problem behandelt wird oder bereits als Normalität gilt, die politisch verwaltet wird.
Hinweise und weiterführende Texte
Der Beitrag bezieht sich auf den aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands (Juni 2026):
Paritätischer Gesamtverband: Armutsbericht 2026 – Wachsende Armut, schrumpfende Sicherheit
https://www.der-paritaetische.de
Eigene vertiefende Analysen des Autors zur sozialen Lage in Bremen:
– Wohnarmut in Bremen: Bremen ist bundesweit Spitzenreiter bei Wohnarmut
https://hb.bsw-vg.de/bsw-bremen-fordert-soziale-wohnungswende/
– Altersarmut in Bremen: Alt und arm in Bremen – Zur sozialen Geographie der Altersarmut
https://www.nachdenken-in-bremen.de/bremen/alt-und-arm.htm
Die CDU-Fraktion der Bremer Bürgerschaft hat dem Senat im April 2026 eine Kleine Anfrage zur Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen gestellt. Die Antwort des Senats vom 2. Juni 2026 ist ein Verwaltungsdokument, nüchtern im Ton, formelhaft in der Sprache. Aufschlussreich ist es trotzdem.
Was der Senat nicht weiß
Die Anfrage ist konkret. Sie fragt nach der Zahl der Menschen, die trotz Berechtigung kein Wohngeld beantragen, keinen Kinderzuschlag, keine aufstockenden Leistungen nach SGB II, keine Hilfe zur Pflege, keine Grundsicherung im Alter.
Die Antworten folgen einem gleichförmigen Muster. Beim Kinderzuschlag: Es liegen keine Zahlen zu potenziell Berechtigten vor. Bei den aufstockenden SGB-II-Leistungen: Zur möglichen Nichtinanspruchnahme liegen keine belastbaren Daten vor. Bei der Hilfe zur Pflege: Erkenntnisse zu Umfang und Ursachen liegen nicht vor. Bei der Grundsicherung im Alter: Die Nichtinanspruchnahme wird statistisch nicht erfasst.
Eine Ausnahme bildet das Wohngeld. Hier schätzt der Senat selbst, dass rund 10.500 anspruchsberechtigte Haushalte keine Leistung beantragen. Das ist die einzige Stelle im gesamten Dokument, an der der Senat die Größenordnung der Nichtinanspruchnahme beziffert. Wie viele Menschen beim Kinderzuschlag, bei der Grundsicherung im Alter oder bei der Hilfe zur Pflege leer ausgehen, obwohl ihnen Leistungen zustünden – das weiß der Senat nach eigener Auskunft nicht.
Das hat System. Wer Armut nicht misst, muss sie nicht erklären. Wer sie nicht erklären muss, muss sie nicht verändern.
Die Selbsteinschätzung des Senats
Besonders aufschlussreich ist die Antwort auf Frage 3. Die CDU-Fraktion fragt, ob der Senat an seiner früheren Einschätzung festhält, die Kluft zwischen Anspruchsberechtigung und tatsächlicher Inanspruchnahme sei in Bremen „sehr gering”. Der Senat hält daran fest. Begründung: Eine Neubewertung sei mangels Datengrundlage nicht möglich.
Man erhebt keine Daten. Also gibt es keinen Anlass zur Korrektur. Die Unwissenheit schützt die Einschätzung, die die Unwissenheit erzeugt hat.
Dem gegenüber stehen bundesweite Befunde. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat im September 2025 einen Forschungsbericht vorgelegt, der zwölf Studien auswertet. Je nach Leistungsart gehen diese von einer Nichtinanspruchnahme zwischen 40 und 88 Prozent aus. Der Paritätische hat für Bremen konkret beziffert: Von geschätzt 7.000 Anspruchsberechtigten für Hilfe zur Pflege haben nur etwa 1.000 einen Antrag gestellt. Der Senat antwortet darauf mit dem Hinweis, belastbare Daten lägen nicht vor.
Die Rhetorik der Beratung
Der Senat ist nicht untätig. Die Antwort auf Frage 7 listet Internetseiten, Frontoffice-Sprechzeiten, Flyer, Bescheidanlagen, digitale Portale, Formularlotsen, Hausbesuche, Pflegestützpunkte, Quartiersprojekte. Das klingt nach einem dichten Netz. In Teilen ist es auch eines.
Die entscheidende Frage ist eine andere. Nicht ob Beratungsangebote existieren, sondern ob sie die Menschen erreichen, denen Leistungen zustehen. Ob sie strukturell wirksam genug sind, um eine Nichtinanspruchnahmequote von 40 bis 88 Prozent zu verringern. Auf diese Frage antwortet der Senat am Ende fast beiläufig: Systematische Evaluationen der Programme zur Verbesserung der Inanspruchnahme liegen nicht vor.
Auch hier keine Daten. Keine Wirkungsmessung. Kein Anlass zur Korrektur.
Was das bedeutet
Der Bremer Senat ist seit Jahren rot-grün-rot. Er steht programmatisch für soziale Gerechtigkeit und einen handlungsfähigen Sozialstaat. Das macht den Befund nur schärfer.
Was dieses Dokument zeigt, ist keine Böswilligkeit. Es zeigt institutionelle Selbstgenügsamkeit. Ein System, das sich selbst für funktionierend hält, weil es die Kriterien für Funktionieren selbst definiert und nie überprüft. Beratungsangebote existieren, also ist Beratung gewährleistet. Daten fehlen, also gibt es keinen Beleg für Versagen.
Das ist die eigentliche Kontinuität zur Armutsquote. Bremen bleibt nicht trotz sozialpolitischer Anstrengungen an der Spitze der Armutsstatistik. Bremen bleibt dort, weil diese Anstrengungen die Strukturen, die Armut erzeugen, nicht berühren und weil das System nicht misst, ob es wirkt.
Armut wird in Bremen verwaltet. Dieses Dokument zeigt, wie.
Das vollständige Dokument, Drucksache 21/1816, Mitteilung des Senats vom 2. Juni 2026, ist hier abrufbar: https://www.bremische-buergerschaft.de/drs_abo/2026-06-03_Drs-21-1816_4772c.pdf
* Manfred Steglich ist Sozialwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Stadt- und Regionalforschung. Langjährige Tätigkeit in der empirischen Sozialforschung. Studien zur Sozialpolitik, insbesondere zur Armutsforschung und Segregation. Daneben Arbeit als freier Autor und Redakteur. Website: manfredsteglich.de
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