Wer im Glashaus sitzt…
Anmerkungen zu Eva Ilouz‘ Buch Der 8. Oktober:
Schwelgen in Selbstmitleid


von Arn Strohmeyer*
30.05.2026


Die israelische Soziologin Eva Illouz demonstriert in ihrem Buch Der 8. Oktober, warum sie eine Wende vom gemäßigten, „linken“ zum radikalen Zionismus vollzogen hat.

In der Einleitung zu ihrem Buch erklärt sie, dass sie bisher glaubte, einer moralischen Gemeinschaft des Mitgefühls anzugehören, deren Abscheu vor Verbrechen gegen die Menschlichkeit selbstverständlich sei. Sie habe sich geirrt, schreibt sie und fährt dann fort: „Ein beträchtlicher Teil der globalen Linken – unter wechselnden Namen wie identitäre, wache bzw. aufgeweckte, dekoloniale oder progressive Linke – hat die Existenz dieser Gräueltaten geleugnet [des 7. Oktober 2023] oder sie als Akt des ‚antikolonialen Widerstandes‘ gefeiert. Die Linke hat die schockierten und leidtragenden Juden im Stich gelassen, ignoriert, stigmatisiert und einer vermeintlichen Urschuld, des israelischen Kolonialismus, bezichtigt. Warum? Wie ist es so weit gekommen?“

Das ist eine Reaktion einer israelischen Jüdin auf den 7. Oktober 2023, als die Hamas Israel überfiel und es zu einem Massaker kam. Eine andere israelische Jüdin – die Journalistin Amira Hass von der Tageszeitung Haaretz, eine Tochter von Holocaust-Überlebenden – schreibt über denselben Tag ganz anders: „In wenigen Tagen erlebten die Israelis das, was die Palästinenser seit Jahrzehnten routinemäßig erlebten und immer noch erleben – militärische Übergriffe, Tod, Grausamkeit, getötete Kinder, auf der Straße aufgetürmte Leichen, Belagerung, Angst, Sorge um Angehörige, Gefangenschaft, Ziel von Rache sein, wahlloses tödliches Feuer auf Beteiligte (Soldaten) und Unbeteiligte (Zivilisten), eine Position der Unterlegenheit, die Zerstörung von Gebäuden, ruinierte Feiertage oder Feste, Schwäche und Hilflosigkeit angesichts allmächtiger bewaffneter Männer.“

Äußert Amira Hass hier Mitgefühl und Mitleid, wie Eva Illouz es einfordert? Vielleicht nicht ein offen gezeigtes Mitleid, aber ein tiefes humanes Empfinden für menschliches Leiden – nicht nur der eigenen Seite gegenüber, sondern auch gegenüber den „Anderen“. Außerdem erklärt sie die Vorgeschichte des Massakers und wie es bei einer anderen Politik hätte verhindert werden können. Amira Hass versteht die Katastrophe, indem sie sie historisch richtig in die über 100-jährige Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts einordnet, ohne Verständnis für das Massaker zu haben und es rechtfertigen.

Eva Illouz sieht den 7. Oktober dagegen als einmaliges, ahistorisches schreckliches Ereignis, als ein Pogrom gegen Juden, das an schlimme Zeiten der eliminatorischen Verfolgung ihrer Ethnie erinnert. Aber hier muss die Kritik an den Ausführungen der Soziologin schon ansetzen. Denn sie übernimmt, ohne Belege zu liefern, die israelische Darstellung der Ereignisse des 7. Oktober: dass die Hamas an diesem Tag furchtbare Gräueltaten begangen habe – vom wahllosen Morden von Menschen bis zu Vergewaltigungen und dem Abschlachten von Babys. Aber stimmt diese Darstellung?

Ohne eine Klärung der Fakten kann man über diesen Tag gar kein Urteil fällen. Der Schweizer Autor Jacques Baud gibt nach intensiven Recherchen eine ganz andere Schilderung der Ereignisse: Die operativen Ziele der Aktion waren: Erstens das an der Grenze zum Gazastreifen stationierte israelische Militär (vor allem die Division Gaza sowie die Kontrollpunkte und das Aufklärungszentrum) auszuschalten. Denn von hier aus findet die Überwachung der Gaza-Bewohner statt. Zweitens: Gefangene zu machen, um sie gegen palästinensische Häftlinge in Israel auszutauschen. Baud betont ausdrücklich, dass die palästinensischen Kämpfer nicht das Ziel verfolgten, ein „Pogrom“ an Juden zu verüben. Das Ziel bestand nicht im Töten von Zivilisten, sondern im Zerstören ihrer Gefängnismauer und ein Tauschpfand für den Gefangenenaustausch zu bekommen.

Die Aktion nahm dann aber einen ganz anderen Verlauf, als die Hamas sie geplant hatte. Westliche Medien übernahmen dann kritiklos die israelische Darstellung des Geschehens. Danach handelte es sich ja um eine wilde Mordaktion. Baud beschreibt die Aktion aber als ein bis in die letzten Details durchdachtes und geplantes militärisches Vorhaben. Es lief aber nicht durch das Vorgehen der palästinensischen Kämpfer aus dem Ruder, sondern durch die völlig kopflose und unkoordinierte Reaktion des israelischen Militärs.

Israels Armee hatte wegen des palästinensischen Widerstandes gegen die Gewalt der Siedler im Westjordanland Truppen von der Grenze zum Gazastreifen weitgehend abgezogen und sie dorthin verlegt. Sie konnten deshalb erst verspätet auf dem Kampfplatz erscheinen. Die Kampfeinheiten – vor allem Panzer und Apache-Kampfhubschrauber – hatten bei ihrer Ankunft keine genaue Vorstellung von der Lage am Ort. Sie befanden sich ganz offensichtlich im Panikzustand. Wegen Nachrichtenunterbrechungen (die Hamas-Kämpfer hatten die Verbindungen zerstört), war keine exakte Befehlsgebung möglich, sie erfolgte über zivile Handys.

Wegen der Unübersichtlichkeit der Lage schossen die Kampfhubschrauber auf alles, was sich bewegte – unterschiedslos auf Palästinenser und israelische Soldaten. Die Israelis wandten dabei ihre Hannibal-Doktrin an, das heißt, es wird auch auf die eigenen Leute geschossen, wenn die Gefahr besteht, dass sie in die Hände des Feindes fallen. So wurde also befohlen, auf alle Fahrzeuge zu schießen, auch wenn man annahm, dass sich israelische Geiseln darin befanden. Die Hubschrauber schossen auch auf Häuser, in denen sich palästinensische Kämpfer mit gefangen genommenen Geiseln verschanzt hatten.

Was sich auf dem Kampfplatz abspielte, kann man durch das unkoordinierte Eingreifen der israelischen Armee offenbar nur als totales Chaos bezeichnen. Baud beschreibt die Situation so: „Es ist also möglich, dass die Hamas-Kämpfer an jenem Tag Kriegsverbrechen verübt haben. Aber alles deutet darauf hin, dass die Panik der jungen israelischen Soldaten, die nicht wirklich von ihren Vorgesetzten geführt wurden, wahrscheinlich der wahre Grund für das Massaker des 7. Oktober sind. Alles spricht somit dafür, dass die Hamas eine geplante und vorbereitete Militäraktion durchführte, die gegen Ziele der Besatzungsarmee gerichtet war.“

Die Vorwürfe, dass die Hamas ein „Pogrom“ geplant und vorsätzlich Kriegsverbrechen begangen hat, weist Baud zurück. Für diese Verbrechen (Folter, Vergewaltigungen, Ermordung von Babys usw.) konnten keine glaubwürdigen Zeugen aufgeboten werden. Auch ein offizielles 45 minütiges Video, das Israel über den 7. Oktober produziert und an alle israelischen Vertretungen im Ausland geschickt hat, konnte die Vorwürfe nicht belegen. Zudem können die Zerstörungen, die der Hamas vorgeworfen werden, zum Teil gar nicht von ihr stammen, weil sie mit sehr schweren Waffen ausgeführt wurden, die die Hamas gar nicht besitzt.“

Aufschlussreich ist auch, dass Israel jede Forderung nach einer internationalen Untersuchung der Ereignisse des 7. Oktober zurückweist. Bauds Darstellung klingt glaubhaft, weil sie in sich schlüssig ist. Einen Gegenbeweis gibt es bis heute nicht. Israel hatte dagegen großes Interesse, das Geschehen sehr einseitig und übertrieben darzustellen, weil es für seinen anschließenden genozidalen Krieg eine Rechtfertigung brauchte.

Zu denen, die den 7. Oktober ähnlich sehen wie Baud und Belege für den genauen Gang des Geschehens fordern, gehört die amerikanisch-jüdische Philosophin Judith Butler. Sie äußerte sich erschüttert und entsetzt angesichts der mörderischen Gewalt an diesem Tag. Für Eva Illouz ist sie aber eine typische Vertreterin der gefühls- und mitleidlosen Linken, die das eigentliche Ziel ihrer Anklage ist. Aber Judith Butler belässt es nicht bei Gefühlen des Abscheus, sie hinterfragt das Massaker.

Sie führt aus: „Wenn wir uns für die Gründe interessieren, warum es zu dieser Gewalt kam, sollten wir in der Lage sein, die Geschichte zu rekonstruieren, um sie besser zu verstehen. Historisch zu verstehen, warum es zu dieser Gewalt kam, ist nicht gleichbedeutend mit der Billigung von Gewalt. Geschichte darzustellen und ein moralisches Urteil zu fällen, ist nicht dasselbe. Wenn wir sagen, dass wir nur ein moralisches Urteil wollen und dass die Geschichte in dieser Angelegenheit nicht wichtig ist, dann haben wir eine Entscheidung getroffen, unsere Welt und ihre Entstehung nicht zu verstehen. Das ist eine gefährliche Entscheidung, wenn Unwissenheit und Slogans an die Stelle von historischen Untersuchungen und klaren moralischen Argumenten treten. Aber der 7. Oktober ist nicht der Beginn der Geschichte der Gewalt.“

Wer den 7. Oktober verstehen will, so fordert sie, muss die letzten 75 Jahre verstehen, die Nakba, den Verrat an den Palästinensern durch das Oslo-Abkommen, die Geschichte der Bombardierungen des Gazastreifens in mehreren Kriegen [die die Israelis „Rasenmähen“ nannten und bei denen Tausende von Menschen ums Leben kamen, A.Str.] und die Gewalt gegen palästinensische Dörfer. Sie wolle damit nicht die Gewalt der Hamas rechtfertigen, sondern versuchen, eine Geschichte zu kontextualisieren, die nicht am 7. Oktober beginnt.

Sie fährt fort: „Wenn wir wissen wollen, was die Gewalt in der Region reproduziert, um der Gewalt endgültig Einhalt zu gebieten, dann müssen wir mit den Historikern zusammenarbeiten, um die selbst ernannte Kolonisierung dieser Länder durch die politischen Zionisten, die Bedingungen, unter denen der Staat Israel gegründet wurde, und die Geschichte der Enteignung, Entrechtung, Inhaftierung, Belagerung und Bombardierungen zu verstehen. Wenn wir Frieden für die Region und eine Zukunft anstreben, in der alle Bewohner des Landes unter Bedingungen der Gleichheit und Freiheit leben, dann müssen wir gemeinsam darüber nachdenken, wie sich Staatsgebilde im Laufe der Zeit verändern können und sollten.“

Von all dem liest man bei Eva Illouz nichts. Um ihre Anklage gegen die globale Linke vorzubringen, (die sie gar nicht genau definiert: sind es die gegen Israels Politik protestierenden Studenten oder die BRICS-Staaten wie Südafrika, Venezuela, Brasilien, der Iran oder der Islam oder eine Allianz aller dieser Gruppen und Staaten?) unternimmt sie einen weiten Ausflug in die Geisteswissenschaften, der vom Jean Jacques Rousseau über Arthur Schopenhauer und Charles Darwin (als Vertretern des Mitleids) zu dem Marquis de Sade, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und dem NS-Juristen Carl Schmitt und schließlich zum Pantextualismus Jacques Derridas‘ führt – als Vertretern von Macht und Gewalt.

Der Leser fragt sich natürlich verwirrt, was hat das alles noch mit dem Nahen Osten und dem 7. Oktober zu tun. Er versteht dann so viel, dass der von dem französischen Philosophen gebrauchte Begriff „pouvoirisme“ (von pouvoir – Macht) in der Gegenwart angeblich immer amorpher, unkonkreter und unhistorischer wird, sodass man gesellschaftlichen Fortschritt gar nicht mehr wahrnehmen kann. Und dieser Denkstil, so Eva Illouz, soll sich gegen Juden und Israel richten. Warum?

Die Soziologin beantwortet die Frage so: In den USA ist die Solidarität zwischen amerikanischen Juden und Afroamerikanern in Richtung auf eine Opferkonkurrenz aufgebrochen. Außerdem ist die Dekolonialität (eine Geisteshaltung, die das beseitigen will, was vom Kolonialzeitalter in Kultur, Bildung und Gesellschaft noch geblieben ist) in den USA teilweise zum zentralen Rahmen für das Verständnis von Sklaverei und Rassismus geworden. Und daraus ergibt sich für Eva Illouz, dass Israel plötzlich als „weißer Siedlerkolonialismus“ aufgefasst werden kann. An die Stelle der Juden, die immer ein fantastisches Spielfeld für Projektionen waren, ist nun der Zionismus getreten, auf den man die Verbrechen des Rassismus, des Kolonialismus, der Klimaerwärmung und des Kapitalismus projiziere. Die Zionisten sind also die neuen Opfer.

Das Ergebnis, zu dem die Soziologin auf diesem Weg kommt, lautet: Antizionismus ist Antisemitismus. Sie begründet das so: „Der Antizionismus, die intellektuell respektable Version des Antisemitismus, verhilft somit zu kognitivem und identitärem Trost. Er vereinfacht das Reale, bekräftigt die Identität der Minderheitengruppen, die Opfer von Rassismus sind, und alimentiert das moralische Kapital der progressiven Linken, die diese unterstützt. Dieser Trost ist umso größer, als sich der Antizionismus als eine tugendhafte Ideologie ausgibt. Als die Aufklärung und ihre Tugenden akribisch dekonstruiert und verworfen worden waren, blieb der Antizionismus als einzige Tugend, um die sich diejenigen versammeln konnten, die alles dekonstruiert hatten. Am 8. Oktober schien die Moral dem Guten und der Gerechtigkeit sehr fernzustehen.“

Muss man wirklich einen so komplizierten Weg tief in die Geisteswissenschaften gehen, um zu einem Schluss zu kommen, der ohnehin sehr fraglich ist? Reicht nicht die schlichte Empirie, um in Erfahrung zu bringen, was in Israel/Palästina wirklich geschieht, so wie ihn Petra Wild beschrieben hat: „Der reine Siedlerkolonialismus, für den Israel ein Beispiel ist, strebt danach, die einheimische Bevölkerung durch eine eingewanderte Siedlerbevölkerung vollständig zu ersetzen. Die Grenzen werden stets weiter nach vorn verschoben und die einheimische Bevölkerung auf stets kleiner werdenden Flächen zusammengedrängt, um ihr Land und ihre Ressourcen für die Siedlerbevölkerung freizumachen. Charakteristisch für siedlerkolonialistische Gebilde sind neben territorialer Expansion ein ausgeprägter Rassismus in der Siedlerbevölkerung und die Behauptung, das Land sei menschenleer gewesen, als die Siedler kamen. Die bekanntesten siedlerkolonialistischen Staaten sind die USA, Neuseeland, Australien, Südafrika und Israel.“ Und diese Realität, die sich täglich vor unseren Augen im Gazastreifen und im Westjordanland abspielt, ruft doch mit Recht Kritik und Widerstand hervor, der aus universalistisch-humanistischer Quelle kommt, und mit Antisemitismus gar nichts zu tun hat.

Durch ihren fast metaphysisch hergeleiteten Antisemitismus-Begriff rückt Eva Illouz aber Israels permanent gegen Völkerrecht und Menschenrechte verstoßende Unrechtspolitik in den Bereich des antisemitischen Wahns. Ist das nicht ein bewusst konstruiertes Ablenkungsmanöver, um von den Realitäten in Israel-Palästina abzulenken?

Denn kann man ernsthaft behaupten, dass der Dekolonialismus einen „transzendentalen Antizionismus“ hervorbringt, eine Form von Antizionismus, der nichts mehr mit den konkreten Untaten des Staates Israel und der Politik seiner Regierung zu tun hat? Und dieser Antizionismus brauche Israel einerseits gar nicht, er könne auch ohne Israel bestehen. Andererseits schreibe dieser Antizionismus Israel eine maßlose Macht zu und dehne sie auf alle Juden weltweit aus, was natürlich eine typische antisemitische Stereotype wäre. Bewegt die Autorin sich hier nicht im Luftreich irrealer Fiktionen? Hat Israel nicht gerade mit Unterstützung der USA in Gaza einen Völkermord begangen und danach ebenfalls mit der Hilfe der USA durch den Überfall auf den Iran eine Weltkrise ausgelöst? Wäre das ohne Macht möglich?

Auch sonst verbreitet die Autorin nur Ungereimtheiten und stellt falsche Behauptungen auf. So unterstellt sie der Hamas, der Existenzzweck dieser Organisation bestehe im „Massenmord an Juden“. In der Hamas-Charta von 2017 steht darin, wie sie aber behauptet, kein Wort, sondern das Gegenteil: „In diesem Programm erklärt die Hamas eindeutig, dass ihr Kampf sich gegen das zionistische Israel und die Besatzung richtet, ausdrücklich aber nicht gegen Juden.“ Ihr Ziel ist „Palästina from the river to the sea!“, also das Land, aus dem die Palästinenser 1948 und 1967 vertrieben worden sind. Dasselbe fordert Israel auch. Hier steht also Anspruch gegen Anspruch.

Natürlich erwähnt Eva Illouz auch nicht die vielen Waffenstillstands- und Friedensangebote, die die Hamas Israel gemacht und die Israel so gut wie alle ignoriert hat. Und die Machtergreifung im Gazastreifen stellt sie völlig falsch dar. Sie schreibt: „Die Hamas, jene Organisation, die 2007 gewaltsam (durch Tötung von Anhängern ihrer Gegenpartei, der Fatah) die Macht im Gazastreifen übernommen hatte…“ Die Wirklichkeit sah anders aus: Israel und die USA hatten eine Fatah-Miliz unter der Führung eines amerikanischen Generals aufgestellt, die in einem Putsch die Hamas ausschalten sollte. Das misslang aber, weil die Hamas sich militärisch als stärker erwies.

Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang auch, dass die Hamas 2006 absolut freie Wahlen in den besetzten Gebieten gewonnen hat (so eine Wahlprüfungskommission des früheren US-Präsidenten Jimmy Carter) und mit der Fatah eine Regierung der nationalen Einheit bilden wollte. Der Westen und Israel verhinderten das und erklärten die Hamas zur „Terrororganisation“. Diese ganze Entwicklung hat sicher zur Radikalisierung der Hamas beträchtlich beigetragen. Worauf konnte die Hamas nach diesen Erfahrungen mit dem Zionismus und dem Westen noch hoffen? Wenn Eva Illouz die Hamas als Mörderorganisation darstellt, die die Juden eliminieren will, dann muss man dem entgegenhalten, dass die Hamas gegen eine äußerst brutale Besatzungsmacht kämpft, die bereit ist, bis zum Völkermord zu gehen. Und die Hamas würde genauso gegen die Besatzung kämpfen, wenn die Besatzer Chinesen, Franzosen oder Eskimos wären – wobei diesen Völkern hier nichts unterstellt werden soll. Und obendrein: Angesichts des Genozids der Israelis im Gazastreifen und der gewaltigen militärischen Überlegenheit Israels klingt der Eliminierungsvorwurf an die Hamas ziemlich absurd.

Genauso falsch ist, was die Autorin über die gegen den israelischen Völkermord in Gaza protestierenden Studenten schreibt. Sie fragt: „Wie also war es möglich, dass ein Teil der progressiven Linken mit Gleichgültigkeit oder Freude auf ein Massaker reagieren konnte, insbesondere an den Universitäten? Warum sind diese Künstler:innen, Professor:innen und Intellektuellen – die doch eigentlich auf der Seite der Menschlichkeit stehen sollten – in einem solchen Maß indifferent gegenüber einem Massaker an Juden und Jüdinnen?“

Sie liefert keinen einzigen Beweis für die „Unmenschlichkeit“ der Studenten – keine Flugblätter oder Parolen, die es doch sicher reichlich gibt. Hier der Text eines Flugblattes zum 7. Oktober von amerikanischen Universitäten: „Die heutigen Ereignisse kamen nicht aus heiterem Himmel. Seit zwei Jahrzehnten sind Millionen Palästinenser in Gaza gezwungen, in einem Freiluftgefängnis zu leben. Israelische Politiker versprechen, ‚die Pforten der Hölle zu öffnen‘, und die Massaker in Gaza haben bereits begonnen. Die Palästinenser in Gaza haben keine Schutzräume und können nirgendwohin fliehen. In den kommenden Tagen werden die Palästinenser gezwungen sein, die volle Wucht der israelischen Gewalt zu ertragen. Die Schuld daran trägt allein das Apartheidregime. Seit 75 Jahren bestimmt die israelische Gewalt jeden Aspekt des palästinensischen Lebens.“

Nun kann man extreme Ausfälle nicht ausschließen, aber die Studenten und Intellektuellen, die Israels Völkermord anprangerten und dies weiterhin tun, sind keine ruchlosen Antizionisten oder Antisemiten, wie die Autorin meint, sondern radikale Verfechter der Aufklärung, also von universalistisch verstandener Menschlichkeit. Ihre Kritik an Israels Gewalt ist doch völlig berechtigt. In einem früheren Text hatte sie selbst noch beklagt, dass in Israel Verfechter der Menschenrechte als „Verräter“ verleugnet werden, inzwischen vertritt sie diese Position offenbar auch selbst.

Fast schon verzweifelt fragt Eva Illouz, warum der Hass in der ganzen Welt ausgerechnet auf Israel so groß sei, wo doch auch andere Staaten schlimme Verbrechen begingen. Und die Besatzung über die Palästinenser hielte sich doch verglichen mit anderen Verstößen gegen Menschenrechte auch im Rahmen. Da gebe es in der Verurteilung Israels eine ungerechte Asymmetrie. Auf den Völkermord in Gaza geht sie in ihrem Buch überhaupt nicht ein, obwohl das zeitlich vom Erscheinungstermin her durchaus möglich gewesen wäre.

Man kann sie darüber aufklären, warum Israel ganz besonders in der Kritik steht. Erstens haben die israelischen Verbrechen ein viel größeres Ausmaß als die Untaten anderer Staaten und sie ziehen sich schon über ein ganzes Jahrhundert hin, und es ist kein Ende abzusehen – ganz im Gegenteil: der Genozid in Gaza belegt, dass die Intensität der Verbrechen sogar zunimmt. Zweitens gibt Israel vor und wird auch vom Westen so akzeptiert und behandelt, ein geachtetes Mitglied der westlichen Wertegemeinschaft zu sein. Aber gibt es wirklich gemeinsame Werte mit diesem Besatzungs- und Apartheidstaat, der dabei ist, vor den Augen der Welt ein ganzes Volk zu eliminieren?

Wenn sie der Linken (wer immer das ist) Mangel an Mitgefühl, Mitleid und Sensibilität in Bezug auf den 7. Oktober vorwirft, dann fragt man natürlich automatisch: Wie steht es im Zionismus mit diesen empathischen Gefühlen? Sie mögen unter zionistischen Juden weit verbreitet sein, aber den „Anderen“ (den Palästinensern) gegenüber gibt es sie nicht. Wenn es sie gäbe, dann gäbe es Israels Konflikt mit diesem Volk nicht.

Eva Illouz fordert Mitleid ein, aber gibt sie selbst davon? In ihrem Buch sucht man vergebens danach. Deshalb muss man sie an das alte deutsche Sprichwort erinnern: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Um ihre völlig einseitige Sicht auf den 7. Oktober zu verstehen, muss man bis auf das zionistische Verständnis des Holocaust zurückgehen. Der Israeli Moshe Zuckermann hat da Maßstäbe setzende Arbeit geleistet. Nach seiner Analyse hat die israelische politische Kultur nie wirkliche Trauerarbeit geleistet, das heißt, sich mit der Situation der Holocaust-Opfer in ihrer totalen Ohnmacht auseinandergesetzt. Oder anders gesagt: Das israelische Holocaust-Gedenken war und ist immer instrumentalisiert, auf bestimmte Zwecke gerichtet, erinnert an die Opfer also nicht (völlig ohne Zweck) universell im Stande ihres Opferseins.

Diesen Umgang mit dem Holocaust hat Israel zu einer Ideologie verfestigt. Und zu dieser Ideologie gehört es als fester und maßgebender Bestandteil, dass die israelischen Juden sich immer als „Opfer“ fühlen – auch im Konflikt mit den Palästinensern. Diesen gegenüber herrscht außerdem eine Haltung der Verhärtung, der Selbstgerechtigkeit, Dehumanisierung und Gewalt vor. Eine Sensibilität für ihre Leiden fehlt völlig. Diese Menschen müssen eben einfach brachial bekämpft werden. Weshalb es ihnen gegenüber auch keinen Willen zu Kompromissen und Frieden gibt.

Zuckermann beruft sich bei diesen Aussagen auf Untersuchungen, die der israelische Professor für sozialpolitische Psychologie Daniel Bar-Tal angestellt hat. Dieser hatte festgestellt, dass die breite Bevölkerung sich weigere, in den eigenen Spiegel zu schauen. Sie will nicht wissen, „was Israel jahrelang in Gaza angerichtet hat, wie sich die Abkoppelung [aus dem Gazastreifen 2005] vollzogen hat und welche Folgen sie für die Palästinenser zeitigte“, mithin auch nicht, „wie die Hamas an die Macht gelangte, wie viele Menschen seit dem Abzug umgekommen sind; selbst nicht, wer als erster den Waffenstillstand im Gazastreifen gebrochen hat“. Die Politiker, meint Bar-Tal, „bedienten sich der Massenmedien, die sich von ihnen freiwillig haben rekrutieren lassen. Nahezu alle Kanäle konzentrierten sich auf das Opfergefühl des israelischen Südens und haben – vor und während des Krieges – die Situation der abgeriegelten Bewohner Gazas fast völlig ignoriert.“ (Diese Passage bezieht sich auf den Gaza-Krieg 2008/09)

Diese Art der Selbstviktimierung (nur sich selbst als Opfer anzusehen) tritt bei den Israelis nicht nur in bedrohlichen Situationen zutage, sondern ist längst in der Bevölkerung eine beherrschende Ideologie geworden. Zuckermann beschreibt diese Ideologie sehr drastisch: „Je brutaler die israelischen Schläge gegen die Palästinenser, je maßloser der militärische Aufwand gegen einen in jeder Hinsicht deutlich schwächeren Gegner, desto selbstmitleidiger und empathischer das realitätsferne Wehgeschrei über das eigene Opfer-Dasein. (…) Das hat nicht nur mit durchideologisierter Selbstverblendung zu tun, sondern nicht minder auch mit dem öffentlich verdrängten, gleichwohl im kollektiven Vorbewusstsein verharrenden Wissen darum, man sei schuldig geworden, mithin in keiner Weise den Anspruch erheben könne, dem moralischen Selbstbild, das man sich Jahrzehnte lang unentwegt zurechtkonstruiert hat, gerecht zu werden.“

Diese Aussagen treffen sehr gut auf den Massenmord an den Palästinensern im Gazastreifen zu und auf Eva Illouz‘ Reaktion darauf. Zuckermann liefert hier also im Jahr 2014 (also lange vor dem Genozid) den Schlüssel zum Verstehen der zionistischen Einstellung zu den Palästinensern und damit auch zu Eva Illouz‘ Buch Der 8. Oktober, das ein maßloses Schwelgen in Selbstmitleid und Opfersein ist. Nun sind Empathie und Mitleid hohe Tugenden und Werte, aber nur wenn sie universell verstanden werden und alle Menschen mit einbeziehen. Die Sicht auf den Anderen gibt es aber in der Sicht von Eva Illouz nicht.

Der israelische Historiker Ilan Pappe bekräftigt die Aussagen Zuckermanns. Er sieht die Ideologie des ewigen Opfers auch als Grund für die Unfähigkeit der Zionisten an, das Trauma der Palästinenser anzuerkennen. Denn wenn sie dies täten, würden sie den eigenen Opferstatus beschädigen und dem Zionismus damit die Legitimität entziehen. Und das würde erhebliche „moralische und existenzielle Auswirkungen auf die israelischen Juden zeitigen: Sie müssten sich eingestehen, dass sie zum Spiegelbild ihres schlimmsten Albtraums geworden sind“.

Was bleibt angesichts solch gewichtiger Gegenargumente gerade auch von israelischen Intellektuellen von Eva Illouz‘ Buch? Sie war einmal ein Vorbild einer von der Aufklärung und dem Humanismus bestimmten Israel-Kritik. Mit dem 8. Oktober hat sie sich als stramme Anhängerin des Zionismus erwiesen, einer Ideologie, die nicht erst seit dem Genozid in Gaza unter der Anklage von Völkerrechtsverbrechen und von Menschenrechtsvergehen steht. Und mit ihrer Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus stellt sie sich schützend vor Israels Untaten und macht so jeden kritischen und humanen Diskurs über einen Weg aus dieser Dauerkrise im Nahen Osten unmöglich. Ihr Buch ist kein Appell an mehr Menschlichkeit, als was sie es sicher selbst versteht, sondern ganz im Gegenteil eine Aufforderung, einer universell verstandenen Humanität eine Absage zu erteilen und sich hinter die israelischen Juden – die ewigen Opfer – zu stellen. Das ist eine moralische und politische Sackgasse, die nicht einmal Israel hilft, aus seiner existenziellen Krise herauszukommen. Eva Illouz hat die die falschen Schlussfolgerungen aus dem 7. Oktober gezogen.

In ihrem Buch Israel (2015) hatte sie ihren Staat noch gemahnt: „Diese [jüdische] Geschichte ist unvollendet, solange die politischen Institutionen und die Kultur Israels nicht die universalistischen Gebote umfassen, die die Geburt aller modernen Demokratien begleitet haben. Ein jüdischer Staat, der nicht auf universeller Gerechtigkeit aufbaut, wird nicht auf die zentrale Herausforderung geantwortet haben, vor die die Moderne das jüdische Volk stellte, nämlich ihre Existenz und ihre Identität unter Einbeziehung der Forderungen des Universalismus neu zu definieren, statt diese von sich zu weisen.“ Hat Eva Illouz diese Sätze vergessen? 

Eva Illouz: Der 8. Oktober, Berlin 2025, ISBN 978-3-518-47530-0, 12 Euro



* Journalist und Autor, Verfasser zahlreicher Bücher, Artikel, Essays, Interviews und Buchrezensionen. Der Nahe Osten ist einer seiner Schwerpunkte. Er lebt und arbeitet in Bremen.  Website des Autors: https://arnstrohmeyer.de

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