Ein braunes Nest – Ausgrenzung und Verfolgung der Juden in dem bekannten Künstlerort Worpswede

Zum neu aufgelegten Buch "Juden in Worpswede"


von Helmut Donat*
08.04.2026

Angeregt von dem Arzt Harro Jenss und dem Kunsthistoriker Bernd Küster, beide eng mit Worpswede verbunden, ist das seit langem vergriffene, von der Bremer Studienrätin Anning Lehmensiek (1942-2022) verfasste Buch „Juden von Worpswede“ in neuer Aufmachung und um ergänzte Texte und Informationen, Dokumente und Bilder neu erschienen. Der ehemalige niedersächsische Kultusminister und Landtagspräsident Rolf Wernstedt hat dazu ein Geleitwort beigesteuert. Das Buch thematisiert das bedrückende Schicksal der in Worpswede ansässigen Juden – ihre Ansiedlung, Niederlassung, Verfolgung, Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung – und soll der Erinnerung, dem Nachdenken und der Mahnung dienen. Wenn der Verleger als Herausgeber des neuen Buches auch nicht genannt ist, so hat er doch – wie schon bei dem 2014 publizierten Band – einen bedeutenden Anteil an dem neuen Werk, was dem folgenden Beitrag von ihm anzumerken ist, den die „junge Welt“ in gekürzter Form am 26. Januar 2026 veröffentlicht hat.

Im Sommer 2010 machen zwei Frauen einen Spaziergang durch das berühmte, nahe bei Bremen gelegene „Künstlerdorf“ Worpswede. Die eine, Christa Meiners-DeTroy, hier 1928 geboren und aufgewachsen, lebt schon mehr als 60 Jahre in den USA. Die andere, Anning Lehmensiek, Jg. 1942, wohnt seit langem im Teufelsmoor, nicht weit weg. Die Auseinandersetzung mit der Shoa hat die beiden Frauen zusammengeführt – sie sind auf der Suche nach Juden im Künstlerort.

Sie kommen zu dem Haus der Familie Abraham am damaligen Richtweg (heute Udo-Peters-Weg). Hier lebte die kleine, stille, zumeist in schwarz gekleidete Rosa Abraham. Christa zählte mit ihrer Mutter und ihren Schwestern zu den Nachbarn. Im kleineren Nebenhaus befand sich die Schlachterei der Abrahams. Auch die Wiesen dahinter gehörten ihnen.

Im November 1939 ist Christa bei dem Abschiedsbesuch von Rosa dabei. Im Wohnzimmer herrscht eine traurige, beklemmende Stimmung. Christa weiß noch nichts darüber, dass, wie sie Jahrzehnte später schreibt, die jüdische Herkunft „im Dritten Reich als ein Verbrechen galt, das die Todesstrafe verlangte.“ Wenige Tage darauf ist Rosa verschwunden, muss fortan in Bremen in einem „Judenhaus“ leben. Im Sommer 1942 wird sie nach Theresienstadt deportiert und bald danach im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Ähnlich erging es den anderen Juden im Ort.

„Versuchte Niederlassung“ und mancherlei andere Schwierigkeiten

Jahrzehntelang hat darüber in Worpswede niemand gesprochen. Man tat so, als wäre hier nichts geschehen. Oder es sei doch längst alles „aufgearbeitet“. Als der Historiker Ferdinand Krogmann 2012 in seinem Buch „Worpswede im Dritten Reich“ vor Augen führte, wie sehr auch die Künstlerschaft dem Nationalsozialismus erlag, haben es die Worpsweder Museen zunächst boykottiert. Ein Museum hat es nie in sein Verkaufsangebot aufgenommen, es den Besuchern vorenthalten und so eine Art Zensur ausgeübt.

Worpswede im Dritten Reich
Juden in Worpswede

Doch zurück zum Rundgang der beiden Frauen. Er gestaltet sich zu einer „Entdeckungsreise“ in die Vergangenheit, die sich bis in die Gegenwart erstreckt und sich auch den nach 1945 wieder in Worpswede lebenden Juden widmet. Recherchen, Gespräche mit Zeitzeugen, Archivbesuche, Auswertung von Akten und Zeitungen, das Aufstöbern von alten Fotos bringen Erstaunliches und Neues, aber auch viel Trauriges zutage.

In ihrem Buch würdigt Anning Lehmensiek das Leben der jüdischen Menschen in Worpswede während des 19. und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts als „versuchte Niederlassung“. Es beginnt mit einem „Willkommen“. Dank der Fürsprache vieler Eingesessener lässt sich 1804 der Viehhändler und Schlachter Leeser Abraham als erster Jude in Worpswede nieder. Wie im Mittelalter benötigt er dazu einen „Schutzbrief“ von der Regierung in Stade. Zweimal, 1799 und 1801, war sein Gesuch abgelehnt worden. Nun erschien eine Abordnung auf dem Amt Osterholz und gab zu Protokoll, dass es „der einstimmige Wunsch der ganzen Dorfschaft und Gemeinde sei, in ihrem Orte einen solchen Juden zu haben.“ Ein ungewöhnliche Bitte, die offenbar sämtliche Vorurteile gegenüber Juden ignorierte. Aber die Worpsweder brauchten einen Fleischlieferanten, der auf seinen Fahrten zu Viehmärkten zudem imstande war, Ein- und Verkäufe für sie zu erledigen.

Auch dem Antrag von 1819, den „Schutzbrief“ nun auf den Schwiegersohn Abraham Steckler zu übertragen, wird stattgegeben. Offenbar gelingt es Steckler, wenngleich aus seiner Ehe zehn Kinder hervorgehen, sich gut über Wasser zu halten. Er handelt mit Vieh, diversen Waren und betreibt einen kleinen Laden. Doch der Wind hat sich gedreht. Die Geschäfte des jüdischen Mitbürgers wecken den Neid eines Konkurrenten, der keinen Hehl aus seinen antisemitischen Ressentiments macht und von der „Landdrostei in Stade“ fordert, Steckler den Warenhandel und das Schnapsausschenken zu verbieten. Zwar wird der „Schutzbrief“ auch 1830 wieder verlängert, doch eine Schankgenehmigung erhält er nicht. Den Laden mit Manufaktur- und Kramwaren muss er dicht machen. Dennoch schafft er es, über die Runden zu kommen. Aber die Vorurteile und die Missgunst bleiben. In einem späteren Protokoll heißt es: Steckler habe „das ganze Haus voll von Kindern“, treibe sich „in allen möglichen Wirtshäusern“ herum, lebe „seinen Verhältnissen durchaus nicht gemäß, indem er z.B. fast immer zu Wagen fuhr, wo er sehr gut hätte gehen können.“ Die Wahrheit ist, dass Steckler bei der fälligen Schutzgeldverlängerung 1842 pleite war. Zudem ist er – vielleicht im Zusammenhang mit dem Konkursverfahren – zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Seine Frau Esther ersucht erneut um eine Schankgenehmigung; sonst drohe ihr und ihrem wieder geführten Laden der Ruin. „Dieser kleine Branntewein-Handel des Sonntags“, schreibt sie, „hat besonders zu unserem spärlichen Fortkommen ... beigetragen, wir sind notorisch arm, haben eine zahlreiche Familie.“ Doch obwohl die christlichen Kirchgänger zumeist aus entfernten, eingepfarrten Ortschaften anfahren, gern bei ihr einkehren und die Gelegenheit für kleine Einkäufe nutzen, der Schnapsausschank wird ihr verwehrt. Esther Steckler stirbt 1850, ihr Mann ein Jahr später. Von der einstigen „Willkommenskultur“ ist nichts mehr zu spüren.

„Auf und ab“

Auch einer anderen jüdischen Familie gelingt es, in Worpswede Fuß zu fassen. Mit Isaak Steckler, einem der Söhne von Esther, wird einem Juden erstmals erlaubt, eine „Klempnerprofession“ auszuüben. Ebenso darf er den Laden seines Vaters übernehmen, schlachten und Handel treiben. Unter anderem ist er beteiligt an dem Verkauf einer Thorarolle an die Synagogengemeinde im Nachbarort Scharmbeck.

Weniger gut hingegen ergeht es Moses Meyer, der etwa seit 1850 in Worpswede lebt und als „Lotteriekollekteur“, Händler mit Manufakturwaren sowie nebenher als Schlachter tätig war. Er ist, wie aus einer „Sterbeliste“ hervorgeht, „arm“ gestorben. Seinem Sohn Meinhard, seit 1882 mit einer Christin verheiratet, scheint hingegen eine weitgehende Integration gelungen zu sein. Doch er ist eine Ausnahme. Er willigt in die Taufe seiner Kinder ein. 1846 kauft er das Haus der Abrahams. Die Quellen führen ihn als „Viehhändler“, „Anbauer“ und „Händler“. Seine „Steuerkraft“ ist nach einer Liste von 1903 genauso hoch wie die des renommierten Kaufmanns Stolte und des Schlachters Abraham. Obwohl nicht konvertiert, liegt Meyer seit 1919 auf dem Worpsweder Friedhof begraben!

Das Leben der Juden in dem Ort ist ein „Auf und Ab“, sieht man einmal von Michael Abraham ab, den es, aus dem Hessischen kommend, 1855 nach Worpswede verschlägt. Als Schlachter und „Neubauer“ genießt er bald einen außergewöhnlichen Ruf. In seinem Haus wohnen sogar zwei christliche Angestellte. Er gilt als „gut situierter, umsichtiger Patriarch“. Mit Kaufmann Stolte ist er Eigentümer eines Hofes im nahe gelegenen Bergedorf.

Zur Realität der jüdischen Familien in Worpswede gehören sowohl Wertschätzung als auch Anfeindungen. Die einen sind erfolgreich und rechtschaffen, andere scheitern und geraten mit dem Gesetz in Konflikt. Alle unterliegen jedoch besonderen ungerechten Einschränkungen. Sie gelten von Staats wegen als Bürger, die nicht dazugehören. Wer jüdischer Herkunft ist und sich in Worpswede niederlassen will, muss um seinen Aufenthalt kämpfen und sich in den Augen der Oberen und Festeingesessenen bewähren. Selbst wenn er schon in dem Ort geboren ist, lastet ihm das Odium des Fremden an. Er muss darum bitten, bleiben zu dürfen. Damit ist immer das Risiko verbunden, abgewiesen zu werden. Das ist ihnen sowie den Vertretern der Behörden und den Bewohnern stets bewusst. Es geht um Juden, um Menschen, die eigentlich hier nichts zu suchen haben und nur unter bestimmten Bedingungen geduldet sind. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist es daran erkennbar, dass von „dem Juden“ die Rede ist, ob es sich um Negatives oder Positives handelt. Natürlich gibt es Kontakte zwischen ihnen und den Dörflern, man hat miteinander gesprochen, sich vielleicht besucht oder ist sich im Wirtshaus begegnet. Eine gelungene Integration ist das jedoch nicht.

Anning Lehmensiek fördert mit ihrem Einblick in das Leben jüdischer Menschen das Verständnis für die Sitten, Gebräuche und religiösen Vorstellungen des Judentums. Ihr sind eindrucksvolle Porträts von Worpsweder Jüdinnen und Juden gelungen. So etwa über Rosa Abraham, den Kunstmäzen Klaus Pinkus, den Schriftsteller Erich Schargorodsky oder den Kunstsammler und wohlhabenden Herrenschneider Walter Steinberg, der sich nach seiner Deportation in Theresienstadt das Leben nahm. Ihnen wie den vielen anderen nähert sich die Autorin behutsam, differenziert und einfühlsam. Sie gibt den Geschmähten und Opfern ihr Gesicht zurück und zeigt auf, welchen Schaden die Täter und Mitläufer auch sich selbst zugefügt haben.

Suchten im 19. Jahrhundert jüdische Gewerbetreibende wie Schlachter, Klempner und Händler in Worpswede eine Bleibe zu finden, so sind es seit 1910 auch – von dem Flair der Künstlerkolonie angezogen – Maler, Bildhauer und Schriftsteller. Karl Jakob Hirsch, aus einem orthodox-jüdischem Elternhaus in Hannover stammend, ist 20 Jahre alt, als er, so Lehmensiek, 1912 ganz in das Künstlerleben eintaucht und nach Zwischenaufenthalten in Paris und Berlin immer wieder in den Ort zurückkehrt. Er ist eng mit dem Kreis um Heinrich Vogeler verbunden. 1916 heiratet er eine Ärztin, 1917 erwirbt er in Worpswede ein Grundstück, lässt dort ein Haus bauen mit einer Praxis für seine Frau „Gulo“. Durch seine expressionistischen Graphiken, zumeist in Franz Pfemferts Zeitschrift „Aktion“ in den Jahren von 1915 bis 1919 veröffentlicht, wird er reichsweit bekannt. Hirsch pendelt hin und her zwischen Worpswede und Berlin, wo er als Bühnenbildner an der „Volksbühne“ arbeitet. Von ihm stammt das Plakat „Hinein in die KPD! (Spartakusbund)“ mit Karl Liebknecht als Redner und ausgestrecktem rechten Arm (1919). Wirklich heimisch ist auch Hirsch in Worpswede nicht geworden. 1929 verlässt er den Ort.Juden in WorpswedeAllein gelassen

Lange vor 1933 führen nationalistisch-antisemitische Gruppierungen das große Wort und gewinnen an Einfluss. Juden sind in ihren Reihen nicht geduldet. Auf Kundgebungen und in Versammlungen machen sie keinen Hehl aus ihren rassistisch-revanchistischen Zielen. Bei den Reichstagswahlen im März 1933 erringt die NSDAP in Worpswede fast 55 % Stimmen, etwa 10 % mehr als im Reichsdurchschnitt. Widerstand gegen die NS-Herrschaft und die Judenverfolgung gibt es nicht. NSDAP-Ortsgruppenleiter F. Stolte und die über 300 Parteigenossen tun alles, um die Pläne des Propagandaministeriums, Worpswede als Kulturzentrum des niederdeutschen Raumes voranzubringen. „Freudig und opferbereit“ stellt sich eine große Mehrheit dem Kampf für das „ewige deutsche Reich“ und dem „Führer“ zur Verfügung – ob es sich dabei um die „Reinheit des Blutes“, die „Volkswohlfahrt“, die Jugend als „Kraftquelle ewig jungen Nationalsozialismus“, das „Winterhilfswerk“ oder um den „Endsieg“ handelt. Die Feier- und Gedenktage erhalten einen stahlhelm-hakenkreuzlerischen Anstrich. Worpswede fühlt sich offenbar ganz wohl dabei, dass ihm als „braunes Nest“ ein besonderer Status zuerkannt wird.

Eines ist nicht von der Hand zu weisen: Das Streben nach einer Kunst, die sich der arischen, nordischen, germanischen oder niederdeutschen Rasse verpflichtet fühlt, ist den Worpswedern wichtiger als der Schutz ihrer jüdischen Mitbürger. Es wimmelt von „Entartung“ und „undeutsch“, „Entjudung“ und „Überfremdung“. Manchen gelingt es nach 1933, das Land unter Mühen und großen Vermögensverlusten zu verlassen. Die weiterhin in Worpswede ansässigen Juden sind mehr als „unerwünscht“, werden ihrer Heimstatt und ihres Eigentums beraubt, verschleppt und vernichtet. Für das heutige Worpswede dürfte oder sollte es ein schwacher Trost sein, dass es anderenorts nicht anders oder besser zugegangen ist. Eindrucksvoll führt A. Lehmensiek unter dem Titel „Verfolgung, Verharmlosung und Vernichtung“ im zweiten Teil ihres Buches aus, wie die Bürger jüdischer Herkunft stigmatisiert und weitgehend allein gelassen wurden. Auch die Künstler und Schriftsteller rührten keinen Finger, sondern stellten sich in den Dienst „deutscher Kunst“ oder passten sich aus Opportunität an. Sie hielten ihr Bekenntnis zum Nationalsozialismus und zur „Heimatfront“ selbst noch aufrecht, als es auf dem „Feld der Ehre“ nichts mehr zu gewinnen gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten sie nichts gesehen und nichts mit dem „Dritten Reich“ zu tun gehabt haben. Dem Ganzen setzte es die Krone auf, dass der vor dem 8. Mai 1945 besonders auf die „Reinhaltung der Rasse“ bedachte Worpsweder Autor Waldemar Augustiny 1948 als Leiter des Entnazifizierungsausschusses im Kreis Osterholz belasteten Personen einen „Persilschein“ ausstellte, ihnen zu neuen „Ehren“ verhalf und verdeutlichte, dass sie einen Rechtsanspruch darauf hätten, als Beamter wieder eingestellt zu werden.

Die Opfer, unter Beweiszwang gesetzt, das ihnen zugefügte Leid nachzuweisen, gehen leer aus, während viele der Täter und Mitläufer nicht nur davon kommen, sondern sogar Kredite für ihren Berufseinstieg erhalten.

Auch die von Lehmensiek ausgewerteten Wiedergutmachungsakten vermitteln ein bedrückendes Bild vom Schicksal der damals in Worpswede ansässigen Juden und den Umgang mit ihnen. Im Vordergrund stehen nicht die Erniedrigung, Ausgrenzung, das Ausraubung, die Vertreibung und Vernichtung – und wie das alles in einem wie immer gearteten Sinne zu sühnen oder wiedergutzumachen sei. Die Opfer, unter Beweiszwang gesetzt, das ihnen zugefügte Leid nachzuweisen, gehen leer aus, während viele der Täter und Mitläufer nicht nur davon kommen, sondern sogar Kredite für ihren Berufseinstieg erhalten. Dass damit der Rechtsgedanke und die Demokratie von Beginn an einschneidend beschädigt worden ist, hat weit über den Tag hinaus langfristige Wirkungen gezeitigt. Wer sich mehr mit den Tätern arrangiert, als deren Opfern beizustehen, darf sich nicht wundern, wenn sich Neofaschismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass im Lande des Holocaust erneut breitmachen.

Denunziatorisches Klima

Einer, der die auch in ländlichen Gebieten vorherrschende Verdrängung, Unbußfertigkeit und den Unwillen zu trauern, hautnah erlebt hat, ist Karl Jakob Hirsch. 1933 stempeln ihn die Nazis von Staats wegen zum Feind. Sein erfolgreicher und großartiger Roman „Kaiserwetter“ von 1931 steht auf der Liste der zu verbrennenden Bücher. Hirsch flüchtet ins Exil, zunächst nach Dänemark, 1936 in die Schweiz, dann in die USA. Wie Heinrich Vogeler in Moskau bekämpft Hirsch in New York als Redakteur der deutschsprachigen „Neuen Volkszeitung“ sowie als Mitarbeiter des „Aufbaus“ das Nazi-Regime. Seit 1941 ist er US-Bürger und arbeitet ab 1942 als Briefzensor beim Civil Service, mit dem er, inzwischen zum Christentum konvertiert, 1945 nach Deutschland in die Nähe von München zurückkehrt. Er nimmt Kontakt zu seiner früheren Frau in Worpswede auf, besucht sie im Sommer 1946 und wohnt in seinem einstigen Atelier. In Briefen hat „Gulo“ ihm vorab die in Worpswede vorherrschende Mentalität geschildert. So erinnert sie ihn im Dezember 1945 daran, dass sie „viel durchgemacht habe in diesem Dorf voller Nazis. Dass die Gestapo uns ständig auf den Fersen saß, was sich heute noch unheilvoll auswirkt, da diese Gesellschaft noch heute im Untergehen Drachenzähne sät, die Vorzeichen umzukehren versucht und mit letzter Kraft sich zu entlasten, Unschuldige zu belasten sucht.“ In Worpswede sei keiner dem „entsetzlich wütenden Terror antisemiticus“ entgangen, den auch sie „täglich zu spüren bekam“. „Alle fanden einen elenden Tod.“

„Du glaubst es kaum, dass es heute noch unzählige Unbelehrbare gibt, die es einem verübeln, dass wir die Engländer ohne Blutvergießen nach der ersten Kanonade hereingebracht haben ... Heute treten noch Leute vor mich, die sagen: ich war SS und SA, und das bleibe ich.

Im April 1946 erklärt sie: „Du glaubst es kaum, dass es heute noch unzählige Unbelehrbare gibt, die es einem verübeln, dass wir die Engländer ohne Blutvergießen nach der ersten Kanonade hereingebracht haben ... Heute treten noch Leute vor mich, die sagen: ich war SS und SA, und das bleibe ich.“ Drei Monate später, im Juli 1946 spricht sie von Deutschland als „einem Land, in dem die alten Faschisten sich plötzlich als Antifaschisten gebärden und uns belasten wollen.“ Ironisch fügt sie hinzu: „Du wirst hier genug erleben, um dich nicht zu langweilen! ... Du wirst sie [die Worpsweder] vermutlich kindlich finden, aber es sind bösartige Kinder darunter, und Kindlichkeit ist oft eine gute Maske.“

Im Januar 1947, kurz vor ihrem Tod und nach dem Besuch von Hirsch in Worpswede, schreibt sie: „Alle sprechen nur vom früheren Worpswede, wie wir es im Gedächtnis haben, heute ist nur die Landschaft noch die gleiche.“

Gulos Äußerungen offenbaren das denunziatorische Klima in Worpswede, die Unbelehrbarkeit von Nazis, Antisemiten und Mitläufern im Ort, deren Versuche der Schuldabwehr, ja sogar Schuldumkehr. Hirschs Eindrücke gehen in die gleiche Richtung. Nach einem Gespräch mit der einstigen Frau Heinrich Vogelers, die ihn „sehr freundlich, begeistert und herzlich“ begrüßt, notiert er seine Verwunderung darüber, „wie das alles gekommen ist, dass man nicht mehr so sicher ist wie einst, so genau wissen kann, wie der andere denkt.“ In dem zweiten Band der von Gudrun Scabell verfassten, 2024 erschienenen Biographie über Martha Vogeler heißt es zu dieser Notiz von Hirsch: „Der Krieg und die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten sind für die meisten Deutschen zu diesem Zeitpunkt Geschichte [1946!!]... Das tägliche Ringen ums Überleben verdrängt Schuldgefühle und notwendige Fragen. Sie werden wohlweislich aus dem Bewusstsein verbannt.“ Eine Entlastungslegende, die Martha Vogelers Eintritt in die NSDAP und die NS-Frauenschaft im Jahr 1937 verharmlost, selbst wenn das nur aus geschäftlichen Gründen geschehen sein sollte, mithin ebenfalls aus Überlebensrücksichten. Dagegen spricht, wie sehr sie sich im März 1938 freut, als sie im Radio hört: „Österreich ist heute nationalsozialistisch geworden.“ Wie Martha selbst, so übernimmt auch ihre Biographin die NS-Sprachregelung vom „Anschluss“ und vermeidet den Begriff Okkupation. Zudem legt G. Scabell nahe, Marthas „begrüßende Resonanz auf den Anschluss Österreich“ sei vielleicht einer „momentanen Gefühlslage ... geschuldet“, weil ein Brief von ihrer Tochter Mieke aus Florida sie so glücklich gemacht habe.

Ganz anders beschreibt der Pazifist Emil Felden, 1933 aus seinem Pastorenamt an der Bremer St. Martini-Gemeinde vertrieben, in seinen bislang unveröffentlichten Erinnerungen an seine Zeit unter den Nazis die Lage gleich nach der Besetzung Wiens. „Es erschallte das üble Heil-Gebrüll der entfesselten, siegestrunkenen Nazibanden in ganz Österreich, die alles zerschlugen, was ihnen nicht passte, die Häuser der Juden und die Schaufenster ihrer Läden zertrümmerten und alles stahlen, was nicht niet- und nagelfest war, die politischen Gegner in übelster Weise misshandelten – kurz und gut, sich als echte und rechte Nazis benahmen!“

Statt sich der eigenen Verantwortung zu stellen, drückte man sich um die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte herum, stilisierte sich selbst zum Opfer und machte schließlich den „Dämon Hitler“ für alles verantwortlich, was Millionen von Deutschen begangen und mitgemacht hatten. Und je mehr sie Morgenluft witterten, desto stärker redeten sie sich heraus. So notierte Martin Niemöller nach einer Rede 1946 in Erlangen, dass man hier „nur über unser Elend und Hunger“ jammere, ein „Wort des Bedauerns über den Tod von fünf bis sechs Millionen“ habe er indes nicht gehört.

G. Scabell unterlässt zudem jedweden Hinweis darauf, dass es in der Zeit von 1945 bis etwa Ende 1947 eine überaus lebhafte und öffentliche Debatte gegeben hat, geprägt von der Frage: „Wie konnte es geschehen?“ Zahlreiche Bücher und Darstellungen erschienen zu dem Thema, wie der Weg ins „Dritte Reich“ und die NS-Verbrechen vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und Politik zu erklären seien. Viele Deutsche haben sich durchaus mit der Vergangenheit auseinandergesetzt und sich nicht allein ums tägliche Brot gekümmert. Doch stießen solche Bemühungen um eine „Bewältigung“ und Durchschaubarmachung der deutschen Vergangenheit schon bald auf massive Widerstände bei den noch immer weitgehend etablierten intellektuellen Eliten und Herrschaftsschichten. Der beginnende Ost-West-Konflikt spielte ihnen in die Karten. Statt sich der eigenen Verantwortung zu stellen, drückte man sich um die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte herum, stilisierte sich selbst zum Opfer und machte schließlich den „Dämon Hitler“ für alles verantwortlich, was Millionen von Deutschen begangen und mitgemacht hatten. Und je mehr sie Morgenluft witterten, desto stärker redeten sie sich heraus. So notierte Martin Niemöller nach einer Rede 1946 in Erlangen, dass man hier „nur über unser Elend und Hunger“ jammere, ein „Wort des Bedauerns über den Tod von fünf bis sechs Millionen“ habe er indes nicht gehört.

Alle immer schon dagegen

Karl Jakob Hirsch sieht seine Eindrücke in Worpswede auch in der Münchener Umgebung bestätigt. In seiner zweiten Autobiographie mit Auszügen aus seinem Tagebuch heißt es am 13. Februar 1946: „Der deutsche Mensch, der zwölf Jahre lang geglaubt hatte, dass er mit Lug und Trug, unter Schlichen und mit Kniffen irgendwelcher Art sich davor drücken könnte, einstmals verantwortlich gemacht zu werden, ... hat bis heute noch nicht begriffen, dass er die Schuld mit sich herumschleppt, von der ihn niemand erlösen kann.“ Und am 24. Februar 1946 fügt er hinzu: „Aber wer hat aus diesem ‚Umbruch’ gelernt? Ich kann es nicht beurteilen, denn die Menschen sprechen nicht mehr die Wahrheit.“

Über seinen Besuch in Worpswede notiert er am 21. Juli 1946: „Ich gehe viel durchs Dorf, über die Heide, es begegnen mir Menschen, die sich alle freuen, mich wiederzusehen. Es ist grotesk, wenn ich daran denke, dass im Jahre 1933 alle diese Menschen einen Bogen um mich machten. Gulo meinte damals, dass es besser sei, wenn ich nach Dunkelheit ausgehen würde ... Der Ortsvorsteher versichert mir noch, dass er ‚immer dagegen’ war. Ebenso tun es die anderen, ohne dass ich danach frage. Ein ekelhaftes Gefühl, man will ja nicht wissen, wie sie im Grunde denken, nur die ewige Beteuerung, dass sie stets Gegner eines Systems gewesen waren, unter dem sie gelebt haben, stimmt betrüblich.“

Vier Tage später, am 25. Juli 1946, drängt sich ihm die Erkenntnis auf: „Es wird mir so klar, schreckhaft klar, dass ein großer Abschnitt, ja, ein Abgrund zwischen dem Gestern und Heute liegt. Ich muss mich manchmal selbst betasten, um zu begreifen, dass es mich noch gibt.“

Hirsch kommt sich vor wie ein Fremder im eigenen Land und empfindet das Leben in Deutschland als „gespenstisch“ und beklemmend. Für eine Wiederauflage seines Romans „Kaiserwetter“ findet er keinen Verlag. Die Begegnung mit den Bekannten in Worpswede und deren Verhalten schildert er als „unheimlich“, „grotesk“, „ekelhaft“ und „erschreckend“. Vergleicht man seine Haltung und Erfahrung mit der von denen, die sich dem Wiederaufbau nach 1945 verschrieben und denen, deren Not das Nachdenken über die Vergangenheit unmöglich gemacht haben soll, dürfte klar werden, welche Welten hier aufeinander stoßen.

Hirsch und seine Frau Gulo sprechen Themen an, die bis heute die Auseinandersetzung über die Ursachen und Folgen des „Dritten Reiches“ bestimmen: Die Frage nach der Schuld des Einzelnen und die nach der Abwehr bzw. Verharmlosung der eigenen Verantwortung oder Mitverantwortung. Die Behauptung fast eines jeden, dass er insgeheim ein Gegner des Nationalsozialismus‘ gewesen sei, wird inzwischen selbst von vielen der Enkelgeneration vertreten. Und offenbar ist die Haltung in Worpswede nach 1945 nicht von anderen Orten in Deutschland abgewichen.

Inzwischen gibt es, nicht zuletzt infolge der Recherchen von Anning Lehmensiek, in Worpswede einen „Rosa-Abraham-Platz“. Und am 27. Januar 2026 ist auf dem Gelände des Worpsweder Rathauses der Erinnerungsort „Zum Gedenken an die im Nationalsozialismus ermordeten oder in den Tod getriebenen Worpsweder Bürgerinnen und Bürger“ eingeweiht worden – über 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Vielleicht zu spät, aber besser spät, als gar nicht. An vielen anderen Orten ist nicht einmal das der Fall, und dabei wird es, während die AfD sich über Zulauf freut, wohl bleiben. Man kann nur hoffen, dass infolge des über viele Jahrzehnte hinweg Versäumten und Verschwiegenen, Zurechtgestutzten und Verharmlosten nicht droht: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“

Anning Lehmensiek: Juden in Worpswede. Hrsg. von Harro Jenss und Bernd Küster. Geleitwort von Rolf Wernstedt, 184 S., 165 Abb., Hardcover, 19.80 €, Donat Verlag (Bremen), 978-3-949116-31-5 



Unerfreuliches am Rande

Inzwischen gibt es erneut Unerfreuliches zu dem Krogmann-Buch zu berichten. Vehement wandten sich der frühere Arzt Harro Jenss und der Kunsthistoriker Bernd Küster, die eine neue Auflage von A. Lehmensieks Arbeit angeregt haben, darin das Titelblatt von Krogmanns Werk abzudrucken. Ihr Argument: Es handele sich um eine Art peinlich wirkende Verlagswerbung. Wohl nicht nur nach meinem Empfinden eine Behauptung, die schon deshalb wenig glaubhaft klingt, weil das Buch „Worpswede im Dritten Reich“ seit langem vergriffen ist und sich die Frage stellt: Wie kann man für ein Buch werben, dass gar nicht mehr zu erwerben ist? Hinzukommt, dass auf der gegenüberliegenden Seite des vorgeschlagenen Abdrucks des Krogmann-Werkes der Umschlagtitel des von Arn Strohmeyer im Donat Verlag 1999 publizierten Buches „Der Mitläufer: Manfred Hausmann und der Nationalsozialismus“ wiedergegeben ist und im Vergleich zu dem Band von Krogmann der Name „Donat Verlag“ bei dem Hausmann-Titel sogar noch sehr viel größer erscheint. Darin sahen H. Jenss und B. Küster aber keine Werbung – obwohl Strohmeyers Buch im Unterschied zu Krogmanns Titel nach wie vor lieferbar ist! Mit anderen Worten: Die Argumentation von Jenss und Küster ist offenbar vorgeschoben und angetan gewesen, ihre wirklichen, nicht ausgesprochenen Ablehnungsgründe zu verdecken. Dass der Donat Verlag diesen dennoch nachgab, hat damit zusammengehangen, dass sonst die Finanzierung des Neudrucks von A. Lehmensieks Buch gefährdet gewesen wäre.Juden in Worpswede

Irritierend in diesem Zusammenhang ist des Weiteren die Tatsache, dass sowohl A. Lehmensiek in ihrem Text als auch Rolf Wernstedt in seinem Geleitwort auf das verdienstvolle Werk Krogmanns positiv Bezug nehmen. Zudem äußerte die Tochter von A. Lehmensiek nach Befragen, dass ihre Mutter dem Abdruck des Krogmann-Umschlagtitels zweifellos zugestimmt hätte.

Doch damit nicht genug. Jenss und Küster als Herausgeber des neuen Bandes forderten entgegen früheren Absprachen eine Präsentation des Bandes im Rathaus Worpswede, ohne den Verleger an dieser und weiteren Veranstaltungen zu beteiligen wegen einiger im Zusammenhang bei der Herstellung des neuen Bandes entstandenen Konflikte, die allerdings als erledigt galten. Da ich mich nicht bereitfand, dem ausgrenzenden Ansinnen der beiden Herren zu folgen und die Rechte an Anning Lehmensieks Buch nach wie vor bei mir liegen, wurde der seit langem vereinbarte Termin abgesagt.

Am 21. Januar 2026 sandte ich ein Exemplar des Buches mit einem Brief an den Worpsweder Bürgermeister Stefan Schwenke. Ich bot ihm an, zum halben Preis 50 Exemplare für Geschenk- und Bildungszwecke anzukaufen. Weder hat der Bürgermeister sich für das Buch bedankt noch auf das Schreiben geantwortet. Ungewöhnlich und merkwürdig wirkt es auch, dass die „Stiftung Worpswede“ im Vorprogramm der „Literaturtage 2026“ am 10. April einen Abend zu dem Buch veranstaltet (u.a. mit Lesung ausgewählter Abschnitte). Den Verleger hat sie darüber bislang weder informiert noch dazu eingeladen. Ebenso ist es von ihr bisher unterlassen worden, bei ihm um Erlaubnis nachzufragen, ob er dem Vortrag von Texten aus dem Buch A. Lehmensieks, wofür die Rechte bei ihm liegen, zustimmt. Handelt es sich erneut um eine Ausgrenzung? Und aus welcher Mentalität speist sie sich?


* Helmut Donat

Jg. 1947, Bankkaufmann, Lehrer und zeitweise Lehrbeauftragter der Universität Bremen, heute als Historiker, Verleger und Publizist tätig, auch als Dozent an der Akademie für Weiterbildung der Uni Bremen; Mitbegründer des Arbeitskreises Historische Friedensforschung, Organisator diverser Ausstellungen sowie von Kulturtagen und -veranstaltungen, zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des deutschen Pazifismus und Militarismus, zum „Historikerstreit“, zur „Wehrmachtsausstellung“, zum Kontinuitätsproblem der deutschen Geschichte, zur Kriegsschuldfrage von 1914 und dem deutschen Annexionismus im Ersten Weltkrieg, zu den Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus sowie zum Völkermord an den Armeniern; für sein verlegerisches Engagement und publizistisches Wirken mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Carl von Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg und dem Friedenspreis der Villa Ichon. Lebt im Bremer Stadtteil Borgfeld.

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Buchempfehlung „Der Triumph der Ungerechtigkeit“.


von Helmuth Weiss

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich in fast allen Ländern immer weiter. Diese Entwicklung gilt es zu stoppen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der sich entwickelnden Wirtschaftskrise ab 2020 wird es von allergrößter Bedeutung sein, dass nicht erneut die unteren Bevölkerungsschichten zur Kasse gebeten werden. Die beiden Autoren Emanuel Saez und Gabriel Zucman liefern dazu brauchbare Ansätze. Weiter lesen...


Corona-Virus in der EU: Gesundheitssysteme nicht vorbereitet


von Werner Rügemer

Der Corona-Virus hat die Gesundheitssysteme der Europäischen Union unvorbereitet getroffen. Die Ausrichtung am privatem Profit muss beendet werden Weiter lesen...