Alt und arm in Bremen
Zur sozialen Geographie der Altersarmut


von Manfred Steglich*
17.03.2026


Es gehört zu den stillen Verschiebungen der sozialen Wirklichkeit, dass Altersarmut in Bremen längst kein Randphänomen mehr ist. Noch vor zwei Jahrzehnten galt sie als Ausnahmefall — als individuelles Unglück, das zwar vorkommt, aber die gesellschaftliche Ordnung nicht grundsätzlich infrage stellt. Heute lässt sich diese Sicht kaum noch aufrechterhalten. Und Bremen schafft es einmal mehr, bei den falschen Dingen ganz oben zu stehen.


Die Zahlen: Ein Rekord, der keiner sein sollte

Die Altersarmutsquote der über 64-Jährigen betrug in Bremen 2023 bereits 24,3 Prozent — nach 22,7 Prozent (2021) und 23,4 Prozent (2022). Der Bundesdurchschnitt liegt bei 18,1 Prozent, selbst dieser ein historischer Rekordwert laut Statistischem Bundesamt. Aktuelle Schätzungen für 2024/2025 gehen für Bremen von rund 25 Prozent aus. Jeder vierte ältere Mensch in der Stadt gilt damit als armutsgefährdet — und der Abstand zum Bundesdurchschnitt wächst.

Härter noch spricht die Entwicklung bei der Grundsicherung im Alter: In der Stadt Bremen bezogen 2020 noch 8.160 Rentnerinnen und Rentner diese ergänzende Sozialleistung. 2025 waren es bereits 10.287 — ein Anstieg von über 26 Prozent in fünf Jahren. Für immer mehr Menschen reicht die gesetzliche Rente schlicht nicht aus. Das Rentensystem überweist die Konsequenzen seiner eigenen Unzulänglichkeit an die Sozialhilfe. Die Gesamtdimension der Bremer Armut hat Helmuth Weiss in „Bremen ist Spitze" ausführlich dokumentiert. Altersarmut ist dabei kein Ausreißer — sie ist Konzentrat einer stadtweiten Entwicklung, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat.

Bremen als sozial gespaltene Stadt

Altersarmut verteilt sich in Bremen nicht gleichmäßig. Sie folgt einer klaren sozialen Geographie. In Stadtteilen wie Gröpelingen, Tenever, Huchting, Blumenthal oder der Vahr liegen die Gesamtarmutsquoten teilweise bei über 40 Prozent der Bevölkerung. Armut ist dort keine Ausnahme, sondern zur normalen sozialen Erfahrung geworden — über alle Altersgruppen hinweg. Wer in diesen Quartieren alt wird, trägt die Folgen eines Erwerbslebens, das der Bremer Stadtökonomie entspricht: Niedriglohn, Teilzeit, Unterbrechungen. Ganz anders stellt sich die Lage in Schwachhausen, Horn-Lehe oder Oberneuland dar — Stadtviertel, in denen Altersarmut eine statistisch marginale Erscheinung bleibt.

Diese räumliche Spaltung folgt der Wirtschaftsstruktur der Stadt. Bremen ist traditionell geprägt von Branchen mit relativ niedrigen Löhnen: Logistik und Hafenwirtschaft, Gastronomie, Reinigungsgewerbe, Pflege- und Sozialberufe. Hinzu kommen seit Jahrzehnten überdurchschnittliche Arbeitslosenquoten. Wer unter diesen Bedingungen gearbeitet hat, hat im Alter ein dramatisch erhöhtes Armutsrisiko. Altersarmut ist, in diesem Sinne, die Rentenform des Niedriglohnsektors. Sie wird nicht im Ruhestand erzeugt — sie wird über ein ganzes Erwerbsleben produziert.

Die folgende Übersicht fasst die räumliche Polarisierung zusammen (eigene Einschätzung auf Basis von Stadtteilstatistiken der Senatorin für Soziales und Daten der Arbeitnehmerkammer Bremen):
Stadtteil-Typus Beispiel-Quartiere Merkmale Geschätzte Armutsquote
Prekäre Quartiere Gröpelingen, Tenever, Huchting, Blumenthal, Vahr Niedriglohnsektor, hohe Teilzeitquote, viele Brüche in der Erwerbsbiografie über 40 % (gesamt) / ca. 25–30 % (Alter)
Privilegierte Quartiere Schwachhausen, Horn-Lehe, Oberneuland Akademische Berufe, kontinuierliche Vollzeitbeschäftigung, Wohneigentum statistisch marginal

Altersarmut ist auch Wohnarmut

Was die Einkommensstatistik unterschätzt, hat die Forschungsstelle des Paritätischen Gesamtverbands 2024 mit ihrer wohnkostenbereinigten Berechnung sichtbar gemacht: Nach Abzug von Warmmiete und Nebenkosten sind in Bremen 29,3 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen — die höchste Quote aller Bundesländer, rund 197.000 Menschen. Neuere Schätzungen für 2024 gehen bereits von über 33 Prozent aus. Alleinstehende Frauen ab 65 Jahren weisen dabei bundesweit eine Wohnarmutsgefährdung von 41,7 Prozent auf — fast jede Zweite.

Wie ich in meinen Texten zum Wohnungsmarktbericht 2025 und zum Sozialen Wohn-Monitor 2026 gezeigt habe, verliert der Bremer Mietwohnungsmarkt seine soziale Ausgleichsfunktion. Für ältere Menschen mit kleinen Renten bedeutet das: Ein großer Teil des Einkommens geht für Miete, Strom und Nebenkosten drauf. Rund 33 Prozent der Bremer Mieterhaushalte wenden mehr als 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für Warmmiete auf — unter den einkommensschwächsten Haushalten sind es acht von zehn. Was danach bleibt, reicht für das Notwendigste, nicht für gesellschaftliche Teilhabe.

Eine Bremer Seniorin, die dem Weser-Kurier kürzlich Auskunft gab, brachte es auf den Punkt: 850 Euro Rente, dazu Grundsicherung, zusammen rund 1.400 Euro. Davon Miete, Strom, Wasser, Versicherungen. Was bleibt: 250 bis 300 Euro für alles andere. Kino, Theater, ein Restaurantbesuch — schlicht nicht vorhanden. "Ich komme mir oft vor wie eine Bettlerin", sagt sie. Und: "Aber das sage ich nicht gerne." Das Schweigen gehört zur Armut dazu — gerade im Alter. 

Ein System, das Frauen bestraft

Bundesweit sind Frauen mit 20,2 Prozent deutlich häufiger von Altersarmut betroffen als Männer mit 15,4 Prozent — mit zunehmendem Alter wächst dieser Abstand. Die Ursachen sind strukturell: Frauen übernehmen nach wie vor den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit — Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, familiäre Fürsorge. Diese Tätigkeiten sind gesellschaftlich unverzichtbar, werden im Rentensystem jedoch nur unzureichend berücksichtigt. Die hohe Teilzeitquote ist für viele Frauen keine freie Wahl, sondern die einzig verfügbare Option in einem Arbeitsmarkt, der Care-Arbeit strukturell benachteiligt.

Die niedrigen Rentenansprüche sind das Ergebnis eines ganzen Erwerbslebens unter diesen Bedingungen — kein individuelles Versagen, sondern strukturell produziertes Ergebnis. Ein Rentensystem, das Frauen am Ende dafür bestraft, ihr Bestes gegeben zu haben, verfehlt seinen gesellschaftlichen Auftrag. Altersarmut ist in hohem Maße feminisiert — in Bremen wie bundesweit, aber in Bremen mit besonderer Wucht.  

Die Stadt als Barriere: Mobilität, Raum und Gesundheit

Altersarmut ist kein reines Einkommensproblem. Sie hat eine räumliche Dimension, die in der sozialpolitischen Debatte kaum vorkommt — obwohl sie im Alltag älterer Menschen in ärmeren Stadtteilen täglich spürbar ist.

Barrierefreiheit ist in Bremen, wie in den meisten deutschen Städten, noch immer ein Privileg der besser gestellten Quartiere. Wer arm ist und im dritten Stock ohne Aufzug wohnt, wird im Alter faktisch immobil — gefangen in der eigenen Wohnung, weil Umbau unbezahlbar und Umzug im angespannten Bremer Wohnungsmarkt illusorisch ist. Der öffentliche Raum ist in den einkommensschwachen Stadtteilen oft nicht altersgerecht gestaltet: fehlende Sitzmöglichkeiten, schlechte Beleuchtung, weite Wege zu Haltestellen.

Mobilität hängt direkt damit zusammen. Wer kein Auto hat oder keines mehr fahren kann — und das betrifft arme Ältere überproportional — ist auf den ÖPNV angewiesen. In innenstadtnahen Stadtteilen ist die Anbindung relativ dicht. In Blumenthal, Huchting oder Tenever sind Wege länger, Umstiege häufiger, die Entfernungen zu medizinischer Versorgung und Behörden größer. Armut und Immobilität verstärken sich gegenseitig. Am Ende steht soziale Isolation — mit allen gesundheitlichen Folgen, die das mit sich bringt.

Gesundheit fehlt in dieser Debatte fast vollständig. Arme ältere Menschen sind nachweislich kränker, haben schlechteren Zugang zu medizinischer Versorgung und nehmen Vorsorge seltener in Anspruch — aus Kosten- und Mobilitätsgründen, aus Erschöpfung, aus dem Gefühl, dem System ohnehin nicht zu gehören. Die Schließung des Klinikums Links der Weser trifft genau diese Menschen: die einkommensschwachen Stadtteile im Bremer Süden, in denen die Wege zur verbleibenden Versorgung länger werden.

Und schließlich die digitale Ausgrenzung. Wer kein Smartphone, keinen Internetzugang, keine digitalen Kompetenzen hat, verliert zunehmend den Zugang zu Behörden, Gesundheitsangeboten, sozialer Infrastruktur. Das trifft arme und alte Menschen — und in ihrer Überschneidung besonders hart. 

Die unsichtbare Armut

Die offiziellen Zahlen unterschätzen das tatsächliche Ausmaß der Altersarmut aus einem systematischen Grund, der in der politischen Debatte kaum benannt wird: Ein erheblicher Teil der Anspruchsberechtigten stellt keinen Antrag auf Grundsicherung. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte derjenigen, die Anspruch hätten, darauf verzichtet. Für Bremen bedeutet das konkret: Wenn 2025 rund 10.287 Rentnerinnen und Rentner Grundsicherung beziehen und man eine konservative Nicht-Inanspruchnahmequote von 40 Prozent zugrunde legt, gibt es in der Stadt noch einmal mindestens 6.000 bis 7.000 Menschen, die Anspruch hätten und ihn nicht geltend machen. Die tatsächliche Altersarmutsquote in Bremen dürfte damit bei deutlich über 30 Prozent liegen — nicht bei 24,3.

Die Gründe dafür sind bekannt, werden aber selten in ihrer ganzen sozialen Tiefe beschrieben. Da ist die Scham — aber es ist eine Scham mit einer spezifischen Generationslogik. Ältere Menschen, die ihr ganzes Erwerbsleben gearbeitet haben, häufig unter harten Bedingungen, verbinden den Gang zum Sozialamt mit persönlichem Scheitern, nicht mit der Inanspruchnahme eines legitimen Rechts. Diese Haltung ist das Ergebnis einer Sozialisation, in der Eigenverantwortung zentral war und staatliche Unterstützung als Makel galt. Eine Gesellschaft, die diesen Menschen jahrzehntelang genau diese Werte abverlangt hat, bestraft sie nun dafür, dass sie sie verinnerlicht haben.

Hinzu kommt die Komplexität des Antragswesens. Wer im Alter, möglicherweise mit gesundheitlichen Einschränkungen, mit Formularen, Nachweispflichten und behördlichen Zuständigkeiten konfrontiert wird, scheitert häufig an den Hürden des Systems. Das ist keine Nachlässigkeit — es ist eine strukturelle Barriere, die das System kennt und nicht behebt.

Daneben gibt es eine zweite, noch unsichtbarere Schicht: die materielle Entbehrung jenseits der Einkommensgrenzen. Der Paritätische Gesamtverband zählt in seinem Armutsbericht 2025 bundesweit 1,2 Millionen Rentnerinnen und Rentner zur Gruppe der "erheblich materiell Entbehrenden" — Menschen, deren Einkommen formal oberhalb der Armutsgrenzen liegt, die sich aber die Wohnung nicht ausreichend heizen, verschlissene Kleidung nicht ersetzen, notwendige Zahnarztbehandlungen nicht durchführen können. Die Einladung ablehnt, weil das Essen im Restaurant nicht drin ist. Den Geburtstag nicht feiert, weil das Geld für ein Geschenk fehlt. Sich schrittweise aus dem sozialen Leben zurückzieht — aus Kalkulation.

In meinen Texten zur Wohnarmut habe ich dieses Phänomen als "verdeckte Wohnarmut" beschrieben: eine Armut, die hinter formal ausreichenden Einkommen verschwindet, weil die Wohnkosten einen so großen Teil aufzehren, dass für ein menschenwürdiges Leben nichts mehr übrig bleibt. Verdeckte Altersarmut funktioniert nach derselben Logik — und überlagert sich mit der Wohnarmut genau dort, wo ältere Menschen mit kleinen Renten in einem Wohnungsmarkt leben, der ihnen keine Spielräume lässt. In Gröpelingen, in Tenever, in Huchting ist diese Überlagerung Alltag.

Was in keiner Statistik erscheint, ist real. Es ist nur unsichtbar gemacht.

Eine soziale Zeitbombe — und ihre Konstrukteure

Die Entwicklung der Altersarmut ist kein kurzfristiger Trend und kein demografisches Schicksal. Sie ist das Ergebnis politisch gestalteter Weichenstellungen: die Ausweitung des Niedriglohnsektors seit den Hartz-Reformen, sinkende Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente, eine Wohnungspolitik, die Mieten jahrelang hat steigen lassen, ein Rentensystem, das Unterbrechungen und Teilzeitphasen bestraft.

Viele Menschen, die heute im Niedriglohnsektor arbeiten — in Gröpelingen, in Huchting, in der Vahr —, werden in zwanzig Jahren nur geringe Rentenansprüche erworben haben. Die Altersarmut der kommenden Jahrzehnte ist bereits angelegt. Sie ist Gegenwart in Zeitlupe.

Die Bremer Parteien haben die Zahlen vor einem Jahr als "entwürdigend" bezeichnet. DIE LINKE empörte sich, die CDU forderte eine Arbeitsgruppe, die FDP eine "Rentenrevolution". Passiert ist wenig. Unterdessen hat der Bundestag am 5. März 2026 die neue Grundsicherung verabschiedet — mit verschärftem Sanktionsregime, reduzierten Vermögensschutzfristen und einer fiskalischen Einsparung von 86 Millionen Euro im Jahr. Bei einem Bundeshaushalt von über 500 Milliarden Euro. Für fünf Millionen Betroffene. Die sozialpolitische Logik dahinter habe ich in meinen Texten zu „Hartz IV 2.0" und zur neuen Grundsicherung analysiert. Sie ist dieselbe, die auch das Rentensystem prägt: Wer nicht ausreichend für sich selbst gesorgt hat, muss damit rechnen, dass der Staat härter wird.

Die Politik verwaltet Armut. Sie bekämpft sie nicht.

Was zu tun wäre

Wer Altersarmut ernsthaft bekämpfen will, muss über mehr reden als über Renten. Eine solidarische Mindestrente oberhalb der Armutsgrenze, die bessere Anrechnung von Care-Arbeit und Teilzeitphasen, ein Mieterschutz, der reale Grenzen setzt, ein höherer Mindestlohn, der im Alter existenzsichernde Rentenansprüche erzeugt, eine Stadtentwicklung, die ältere und arme Menschen nicht als Restgröße behandelt — das ist der Mindestrahmen einer Sozialpolitik, die ihren Namen verdient.

Stattdessen steigt die Zahl der Grundsicherungsempfänger in Bremen von Jahr zu Jahr, wächst die Wohnarmut, vertieft sich die Spaltung zwischen den Stadtteilen. Bremen ist auch hier Spitze. Leider.

Armut im Alter entsteht nicht erst mit dem Renteneintritt. Sie wird über ein ganzes Erwerbsleben produziert — von einem Arbeitsmarkt, der zu viele Menschen in Niedriglohn und Teilzeit drängt, von einer Stadtökonomie, die weiten Teilen der Bevölkerung nur prekäre Teilhabe ermöglicht, von einer Politik, die die Ergebnisse dieser Strukturen verwaltet, anstatt sie zu verändern.

Stadtentwicklung darf soziale Spaltung nicht verwalten — sie muss sie abbauen. Das gilt für den Wohnungsmarkt. Und es gilt für das Alter.



* Manfred Steglich ist Sozialwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Stadt- und Regionalforschung. Langjährige Tätigkeit in der empirischen Sozialforschung. Studien zur Sozialpolitik, insbesondere zur Armutsforschung und Segregation. Daneben Arbeit als freier Autor und Redakteur. Website: manfredsteglich.de

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