Pflegearmut in Bremen
- wer Anspruch hat, bekommt ihn oft nicht


von Manfred Steglich*
20.03.2026


Von 7.075 Menschen in Bremen, die einen Rechtsanspruch auf „Hilfe zur Pflege“ haben, erhalten ihn nur 1.090. Das sind 15,4 Prozent – knapp jeder Sechste. Fast 6.000 Menschen gehen leer aus, obwohl ihnen das Recht zusteht. Eine neue Studie des Paritätischen Gesamtverbands macht diese Zahl erstmals sichtbar. Sie ist für Bremen kein Zufall.


Vier von fünf bekommen nichts

Bundesweit werden rund 4,9 Millionen Menschen zu Hause gepflegt. Der Sozialexperte und Rechtswissenschaftler Thomas Klie errechnet für den Paritätischen Gesamtverband auf Basis von Grundsicherungsquoten und einer in der Forschung etablierten Dunkelziffer von 60 Prozent, dass davon etwa 392.000 einen Anspruch auf „Hilfe zur Pflege“ haben. Tatsächlich erhalten ihn 76.000. Weniger als jede fünfte anspruchsberechtigte Person.

Im Pflegeheim erhalten 42 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner „Hilfe zur Pflege“ – das Armutsproblem dort ist längst in der öffentlichen Debatte angekommen und Gegenstand politischer Maßnahmen. In der häuslichen Pflege sind es 1,8 Prozent. Dieses Missverhältnis ist keine Folge unterschiedlicher Bedarfslagen. Es ist Folge unterschiedlicher Aufmerksamkeit.

Die Gründe sind bekannt: Unwissenheit über eigene Ansprüche, Scham gegenüber Behörden, Überforderung bei der Antragstellung. Dazu kommt, was die Studie als entscheidenden Faktor benennt: die Verwaltungspraxis der zuständigen Sozialhilfeträger. Sie variiert von Bundesland zu Bundesland extrem. Im Saarland realisieren 9,5 Prozent der Anspruchsberechtigten ihr Recht, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 47 Prozent. Der Unterschied liegt überwiegend darin, wie Sozialämter arbeiten – aktiv oder passiv, transparent oder behördenfern.

Was die Bremer Zahlen messen – und was nicht

Das Statistische Landesamt Bremen zählt insgesamt 47.627 Pflegebedürftige im Land – alle, also auch die stationär Versorgten in Pflegeheimen. Von diesen werden 88,2 Prozent zu Hause versorgt, gut 42.000 Menschen. Davon erhalten 22 Prozent Unterstützung durch einen Pflegedienst; die große Mehrheit wird ausschließlich von Angehörigen gepflegt.

Die 7.075 der Klie-Studie sind eine Teilmenge dieser 42.000: jene häuslich gepflegten Menschen, die aufgrund geringer Einkommen und Vermögen sozialhilferechtlich Anspruch auf zusätzliche Unterstützung hätten. Ermittelt wird diese Zahl über die Grundsicherungsquote der über 65-Jährigen in Bremen – 7,8 Prozent beziehen tatsächlich Grundsicherung im Alter, hochgerechnet mit der 60-Prozent-Dunkelziffer über die häuslich Versorgten. Beide Zahlen widersprechen einander nicht. Sie messen Unterschiedliches.

Drei Formen von Pflegearmut – und eine, die kaum diskutiert wird

Die Studie unterscheidet drei Formen, die in der öffentlichen Debatte meist in einen Topf geworfen werden. Zunächst: Pflegebedürftigkeit unter Armutsbedingungen – einkommensschwache Menschen, deren Rente und Vermögen schlicht nicht reichen, um Pflege zu finanzieren. Sie sind die eigentliche Zielgruppe der „Hilfe zur Pflege“.

Dann: Armut durch Pflege. Das betrifft auch mittlere Einkommenshaushalte. Wer einen Angehörigen zu Hause pflegt, trägt steigende Pflegekosten, reduziert Erwerbsarbeit, verliert Rentenanwartschaften. Wer ins Pflegeheim wechselt, muss Erspartes aufbrauchen, bevor Sozialhilfe greift. Ehegatten werden mit dem gesamten Haushaltseinkommen herangezogen und rutschen dadurch selbst in die Armut. Das trifft längst nicht nur arme Familien.

Und schließlich: Menschen, die überhaupt keinen Anspruch geltend machen können, weil sie sozialrechtlich nicht erfasst sind. Obdachlose, suchtkranke Menschen, Asylsuchende, geduldete Personen – sie haben oft keinen gesicherten Aufenthaltsstatus oder praktisch keinen Zugang zu Leistungen, auf die sie formal Anspruch hätten. Pflegearmut hat hier eine absolute Dimension, die in keiner Inanspruchnahmestatistik erscheint.

Bremen liegt weit hinter Hamburg und Berlin – obwohl es mehr Armut hat

Bremen hat die höchste Armutsquote aller Bundesländer. 26 Prozent der Bevölkerung gelten als armutsbetroffen, 24,3 Prozent der über 65-Jährigen als altersarmutsgefährdet. Nur Hamburg hat bei den über 65-Jährigen einen höheren Anteil an Grundsicherungsbeziehenden. Der Bedarf an Unterstützung ist in Bremen überdurchschnittlich hoch.

Beim tatsächlichen Zugang zur „Hilfe zur Pflege“ sieht das Bild umgekehrt aus. Hamburg gewährt mehr als jeder dritten anspruchsberechtigten Person die Leistung (35 Prozent), Berlin ebenfalls (38 Prozent). In Bremen ist es knapp jede Sechste. Der Vergleich macht deutlich: Die niedrige Bremer Quote ist kein demographisches Schicksal. Sie ist Verwaltungspraxis.

Sechs Monate Wartezeit – und wer das nicht aushält, fragt nicht nochmal

Anträge auf Hilfe zur Pflege brauchen in Bremer Sozialzentren teilweise sechs Monate und länger, bis sie bewilligt werden. Für einen älteren Menschen mit akutem Pflegebedarf ist das keine Verzögerung in einem abstrakten Verwaltungssinne. Es ist oft der Moment, in dem Menschen aufhören zu fragen.

Pflegedienste berichten, dass sie Leistungen erbringen, auf deren Zahlung durch den Sozialhilfeträger sie dann monatelang warten. Das Wirtschaftsrisiko trägt der Dienst – nicht der Staat, nicht der Patient. Viele Dienste übernehmen es schlicht nicht mehr. Der Mensch bleibt ohne Versorgung. Im vollstationären Bereich existiert zumindest eine gesetzliche Absicherung: § 19 Abs. 6 SGB XII gibt Pflegeheimen das Recht, Sozialhilfeansprüche auch nach dem Tod eines Bewohners direkt gegenüber dem Träger geltend zu machen. Für ambulante Dienste fehlt eine vergleichbare Regelung. Die Klie-Studie empfiehlt, das zu ändern. Es wäre eine der einfachsten und wirksamsten Reformen.

Wie ich in meinem Text zur Altersarmut beschrieben habe, ist die Scham beim Antragsstellen für eine Generation, die ein ganzes Erwerbsleben auf Eigenverantwortung verpflichtet war, kein psychologisches Detail. Sie ist eine strukturelle Barriere, die das System kennt und nicht abbaut. Wer Geld hat, kauft sich Pflege. Wer keins hat, wartet – oder verzichtet.

Pflegearmut wandert

„Pflegearmut ist oft auch die Armut der Menschen, die ihre Angehörigen pflegen – das steht viel zu wenig in der öffentlichen Debatte“, sagt Joachim Schuster, Verbandsratsvorsitzender des Paritätischen Bremen. Er hat recht. Pflegende Angehörige reduzieren häufig die Erwerbstätigkeit oder geben sie ganz auf. Die Folge sind lückenhafte Rentenanwartschaften. Wer heute pflegt, ohne selbst abgesichert zu sein, hat in zwanzig Jahren ein deutlich erhöhtes Altersarmutsrisiko.

Das trifft überproportional Frauen. Pflege ist in Deutschland noch immer weitgehend weibliche Arbeit – im Rentensystem kaum berücksichtigt, gesellschaftlich kaum sichtbar. In meinem Text zur Bremer Altersarmut habe ich das beschrieben: Viele Frauen, die heute Grundsicherung beziehen, haben jahrzehntelang Care-Arbeit geleistet – unbezahlt, rentenrechtlich kaum erfasst. Pflegearmut produziert Altersarmut – eine Generation später.

Mario Damitz, Geschäftsführer der Paritätischen Pflegedienste Bremen, benennt den Mechanismus: Armutsbetroffene Menschen verzichten häufiger auf pflegerisch notwendige Leistungen oder kompensieren sie durch familiale Eigenleistungen. Damit verschwindet aus der Statistik, was im Alltag Realität ist: Pflege, die nicht stattfindet – oder nur im Privaten, unbezahlt, unsichtbar. Die Last trägt, wer am wenigsten hat.

Was in Bremen zu tun wäre – und was darüber hinausgeht

Hamburg und Berlin zeigen, dass mehr geht. Der Abstand zwischen Bremen und diesen Stadtstaaten lässt sich nicht durch unterschiedliche Armutslagen erklären – Bremens Lage ist schlechter, der Bedarf also höher. Der Abstand erklärt sich durch Verwaltungspraxis, Personalausstattung und den Grad, mit dem Leistungen aktiv erschlossen werden. Das ist änderbar.

Kürzere Bearbeitungszeiten in den Sozialzentren, besser zugängliche Information, aktive Beratung – das sind keine visionären Forderungen. Das ist der Stand, den andere Stadtstaaten bereits erreicht haben. Der Paritätische Bremen benennt das klar: „Gute Pflege darf nicht von der Postleitzahl abhängen.“ Bremen ist bei der falschen Postleitzahl.

Dabei wäre auf Bundesebene gerade jetzt eine Gelegenheit. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum „Zukunftspakt Pflege“ stellt die ambulante und häusliche Pflege ausdrücklich in den Mittelpunkt. Die Armutsthematik klammert sie dabei nach Einschätzung der Studie fast vollständig aus. Wer häusliche Pflege stärken will, ohne die Frage zu stellen, wie armutsbetroffene Menschen diese überhaupt finanzieren können, gestaltet keine Reform. Er verwaltet den Status quo.

Das deutsche Pflegesystem ist als Teilleistungsversicherung konstruiert. Es deckt Bedarfe strukturell nicht ab und überträgt das Ausfallrisiko an Familien – bevorzugt an Frauen, bevorzugt an einkommensschwache Haushalte. Das ist keine Panne, das ist Systemlogik. Der Paritätische Gesamtverband fordert eine solidarische Pflegevollversicherung. In einem Land, in dem Altersarmut stark weiblich geprägt ist und Pflege als private Familiensache gilt, ist das seit Jahren überfällig.

Bremen hat die höchste Armutsquote aller Bundesländer. Altersarmut, Wohnarmut und Pflegearmut überlagern sich hier besonders konzentriert. Der Senat weiß das. Gehandelt hat er nicht.

Zur Methodik der Studie

Die Modellrechnung von Klie schätzt die Zahl der potenziell Anspruchsberechtigten auf „Hilfe zur Pflege“ außerhalb von Einrichtungen. Grundlage ist der Anteil der Grundsicherungsempfänger:innen im Alter (65+) an der Bevölkerung – für Bremen 7,8 Prozent –, ergänzt um eine wissenschaftlich etablierte Dunkelziffer von 60 Prozent (d.h. 60 Prozent der Anspruchsberechtigten beziehen keine Grundsicherung). Diese Quote wird auf die Zahl der häuslich gepflegten älteren Menschen hochgerechnet. Ergebnis für Bremen: rund 7.075 potenziell Anspruchsberechtigte. Diese Zahl ist eine Teilmenge der 42.000 häuslich gepflegten Menschen und widerspricht der Gesamtzahl von 47.627 Pflegebedürftigen (Statistisches Landesamt Bremen, inkl. stationär Versorgter) nicht.

Quellen

Paritätischer Gesamtverband (2026): „Hilfe, die nicht ankommt: Armut in der häuslichen Pflege“. Explorative Studie von Thomas Klie, AGP Sozialforschung, März 2026.

Paritätischer Gesamtverband (2026): Pressemitteilung „Neue Studie: Hunderttausende von verdeckter Pflegearmut betroffen“, 19. März 2026.

Brüggemann, Lucas (2026): „Pflegearmut in Bremen: Tausende Pflegebedürftige erhalten Hilfe nicht“. Bremer Weser-Kurier, 19.03.2026.

Ärztezeitung (2026): „Sozialverband: Hunderttausende von ‘verdeckter Pflegearmut’ betroffen“, 19.03.2026.

Steglich, Manfred (2026): „Alt und arm in Bremen. Zur sozialen Geographie der Altersarmut.“ Nachdenken in Bremen, 17.03.2026.

Steglich, Manfred (2026): „86 Millionen Euro. Fünf Millionen Menschen.“ Nachdenken in Bremen, 07.03.2026.

Statistisches Landesamt Bremen: Pflegestatistik 2023.



* Manfred Steglich ist Sozialwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Stadt- und Regionalforschung. Langjährige Tätigkeit in der empirischen Sozialforschung. Studien zur Sozialpolitik, insbesondere zur Armutsforschung und Segregation. Daneben Arbeit als freier Autor und Redakteur. Website: manfredsteglich.de

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